Seelenfrieden dank Autorität
Konsens ist Nonsens

Der Chef bestimmt, die Mitarbeiter machen: In Krisenzeiten ist autoritärer Führungsstil wieder angesagt, belegen neue Untersuchungen. Das finden die Angestellten gar nicht mal so schlecht - bringt aber für die Entscheider ein Mehr an Verantwortung mit sich.

Lange Debatten angesichts einer Krise? Nicht mit Thomas Herriger. "Grundsätzlich ist es richtig und sinnvoll, Mitarbeiter in Entscheidungen einzubeziehen", urteilt der Inhaber des Schirmherstellers Knirps. "Aber in bestimmten Situationen, in denen Änderungen herbeigeführt werden müssen, muss man auf Diskussionen verzichten und Entscheidungen treffen."

Herriger spricht aus Erfahrung: 1999 musste Knirps Insolvenz anmelden. Als neuer Inhaber und Geschäftsführerdes Solinger Unternehmens übernahm er den gebeutelten Solinger Markenbetrieb. Bei der Entwicklung der neuen Schirme musste sich der neue Chef auch im eigenen Haus erst durchsetzen. Gegen den Trend ließ Herriger bunte Schirme produzieren: karierte, orange, gelbe, grüne, blaue. Der Krach mit der an Traditionen orientierten Marketingabteilung war unvermeidbar: "Ich halte es zwar für falsch, grundsätzlich an Mitarbeitern vorbei zu entscheiden. er.Aber es gibt Entscheidungen, die nur der Unternehmensleiter treffen kann."

Das Überleben von Knirps gibt Herriger bisher recht. Aber Einzelentscheidungen statt Teamwork, Anweisungen statt Meetings, Durchgreifen statt Diskussion? Hatten Deutschlands Manager diese Zeiten nicht hinter sich? Die Antwort ist: Nein, es blühen vielfältige Managementkulturen.

In den meisten mittelständischen Unternehmen hat nach wie vor der Chef das Sagen. Herrigers Führungsstil, den er selbst "leicht diktatorisch" nennt, ist kein Einzelfall Das zeigt die Untersuchung Mittelstand in Deutschland 2002 (MIND) des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn.

Acht Prozent des deutschen Mittelstands ordnet das MIND als "Konservator" ein. Diese Gruppe besteht aus Entscheidern im wörtlichen Sinn. Aussagen wie "als Unternehmer darf ich nicht alles selbst entscheiden wollen und muss Verantwortung delegieren" oder "bei komplexen, nicht alltäglichen Problemen wende ich mich auch an externe Berater" mögen sie nicht.

Wolfgang Grupp, Inhaber und Geschäftsführer des Trikotagen-Herstellers Trigema, ist ein Mustervertreter dieser Unternehmergruppe. "Ich halte nichts von Leuten im Maßanzug, die nur Englisch sprechen und noch keine Mark verdient haben", sagt er. Lange akademische Diskussion und neue Managementmethoden sind ebenfalls nicht seine Sache. 80 Prozent seiner leitenden Angestellten haben bei Trigema als Lehrling angefangen: "Ich bin der Inhaber, und ich bezahle schließlich die Leute dafür, dass sie meine Ideen umsetzen."

Trotzdem sind die harten Chefs bei ihrer Belegschaft oft beliebt: Sie schätzen sie wegen ihrer Verlässlichkeit. Die MIND-Untersuchung zeigt: Die Zahl derer, die sich zur Führung von oben bekennen, steigt. Je länger die Konjunktur schwächelt, desto mehr Unternehmen verabschieden sich von Soft-Skill-Experimenten und kooperativem Führungsstil.

Selbst Ex-Startups wie das Meinungsportal Dooyoo oder Handy.de führen klare Regeln ein, wie Meetings abzulaufen haben und wer auf welcher Ebene was zu entscheiden hat. Das ist typisch für Krisenzeiten: "Autoritärer Führungsstil macht unter bestimmten Bedingungen Sinn," sagt der Türkheimer Managementtrainer Peter Josef Senner. Während bei einigen Mitarbeitern ein harmonieorientierter Führungsstil angemessen sei, könne es bei anderen der autoritäre sein. Besonders dann, wenn für die Beteiligten die Arbeit nicht der Lebensinhalt ist.

"Viele Mitarbeiter entfalten sich am stärksten durch klare Rahmenbedingungen, Richtlinien, Vorgaben und Anweisungen. Was leider allzu häufig mit mangelnder Selbstständigkeit abqualifiziert wird, ist bei vielen Menschen typbedingt noch lange kein Nachteil in der Leistungsfähigkeit", erklärt Senner. "Im Gegenteil, ein Gerüst aus zielorientierter Mitarbeiterführung in Verbindung mit den Direktiven einer starken Führungspersönlichkeit bringt Stütze und Sicherheit." Gerade in Krisenzeiten liegt nicht jedem das Diskutieren. Nicht jeder will sich rund um die Uhr Gedanken um das Wohl der Firma machen. Wenn Entscheidungen ohne die Mitarbeiter getroffen werden, heißt das für viele auch: Seelenfrieden.

Der autoritäre Führungsstil verlangt allerdings einiges von den Entscheidern. Ihre Aufgabe ist es, Leitlinien zu bestimmen, ohne die Mitarbeiter zu frustrieren. Dass es beim Formulieren unterschiedlicher Interessen kracht, ist sogar wünschenswert. Das Austragen von Konflikten ist für den Managementtrainer Jens Vogt eine Bedingung für ein konstruktives Miteinander. "Effiziente Mitarbeiterführung erfolgt über das Zuspitzen von Konflikten", sagt der Geschäftsführer der Cicero B2B in Bremen. Er berät Firmen wie Daimler-Chrysler oder das Deutsche Sportfernsehen.

Cicero hat 180 Personalentwickler und Führungskräfte nach den Schlüsselqualifikationen für Entscheider befragt. Ergebnis: Konsens ist Nonsens. Erfolgreiche Führungskräfte erkennendanach Konflikte früh, scheuen sich nicht, sie auf zu greifen und zuzuspitzen - um die Ursache freizulegen, so die Untersuchung.

Es sei deshalb eine der wichtigsten Aufgaben von Firmenchefs, Widersprüche nicht freundlich zuzudecken und das Gefühl auszuhalten, für unpopuläre Entscheidungen gehasst zu werden. Denn sie können sich nicht hinter Mehrheitsentscheidungen oder dem Rat Externer verstecken. Herriger: "Gerade wenn es schwierig wird, bedarf es des ursprünglichen Muts, des Unternehmertums und der eigenen Überzeugung als Antrieb." Nicht aber, sich hinter Fachleuten zu verstecken, "um Risiken auszuschließen. Besonders persönliche."

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