Sehen und gesehen werden
Rattenscharf

In der Brillenmode ist das eine Frage des Gestells. Moderne Hornbrillen sind wie Laubsägearbeiten. Und die Blechbrillen aus Berlin werden sogar von einem König getragen.

Kontaktlinsen sind superpraktisch, und man sieht sie nicht. Auch nicht, wenn man sie verloren hat. Und so kann man auf manchen Partys Menschen am Boden herumkriechen sehen, die "Vorsicht" rufen und nach der Linse von Sibylle suchen, bevor jemand drauftritt. Sibylle kann nämlich nicht selber suchen, weil sie nichts sehen kann ohne Linse. Das ist lustig, aber nur beim ersten Mal.

Mag die Fraktion der Brillenträger feixen. Der Linsenträger lacht, wenn dem Brillenfan das Glas beschlägt. Wohl deshalb nimmt das Sowohl-als-auch zu - und weil es so verdammt schicke Brillen gibt. Etwa bei Ralph Anderl am Prenzlauer Berg in Berlin. Anderl erkennt man an der Glatze, dazu trägt er einen gelben Adidas-Trainingsanzug mit grünen Streifen und silberne Turnschuhe. So trabt er durch sein Büro in der obersten Etage einer ehemaligen Backfabrik. Auf seiner Visitenkarte steht "blechbrillenverkäufer", kleingeschrieben. Der Mann ist Geschäftsführer von Ic! Berlin. Englisch ausgesprochen: "I see Berlin!" Eine Brillen-Marke, gegründet 1999.

"Wir machen Blechbrillen ohne Schrauben", erklärt Geschäftsmann Anderl. Das war anfangs schwer. "Hättet ihr von Brillen Ahnung gehabt, hättet ihr sie nicht so erfinden können", sagte ein Optiker zu den Firmengründern Philipp Haffmans und Harald Gottschling. Sie hatten zum Glück keine Ahnung, fanden aber auch keinen Vermarkter für das schraubenlose Brillengestell. Also gründeten sie ein Label - und bauten Brillen.

Zuerst wird das vordere Gestell für die Gläser aus einem nur 0,5 Millimeter starken Federblech geätzt. Es wird so geformt und gebogen, dass die Bügel schraubenlos drangeklickt werden können. Für das Federscharnier-Stecksystem hat Ic! Berlin ein europäisches Patent. Auch die Maschinen zum Formen und Biegen mussten die Brillenmacher erfinden.

Ic! Berlin ist nicht das einzige Unternehmen, das Patente für Brillen zum Zusammenstecken hat. Auch Augenoptikermeister Markus Temming hat ein Stecksystem entwickelt. Ein Jahr verbrachte er in der Ruhe und Abgeschiedenheit der Schweizer Berge, tüftelteund entwarf ein paar Prototypen. Dann ging er zurück nach Deutschland und räumte seine Wohnung um: Das Schlafzimmer wurde Büro, Küche und Wohnzimmer wurden Werkstätten.

Ein Messeauftritt brachte erste Aufträge. 1999 gründete Temming eine GmbH. Inzwischen sitzt er mit seiner Partnerin und 25 Mitarbeitern auf einem umgebauten Bauernhof in Gütersloh. Dort stecken sie Mittelteile und Bügel zu Brillengestellen zusammen und klemmen Gläser hinein. Die Bügel sehen aus, als bestünden sie aus normalem Draht aus dem Baumarkt. Aber sie sind aus Titan. Und deshalb sehr leicht - ein Gestell von Markus T. wiegt gerade mal drei Gramm.

Nicht nur bei Metall-, auch bei Hornbrillen hat sich in den vergangenen Jahren einiges geändert. Im Örtchen Daun in der Eifel sitzt Design Naturell. Hier entstehen seit 1990 Brillen aus Büffel- und Rinderhorn. Inzwischen pro Jahr ungefähr 5 000 Brillen. Nach wie vor sägen die Hornbrillenmacher die Gestelle mit einer Laubsäge aus, feilen und polieren sie mit alten Werkzeugen.

Früher waren Hornbrillen dick, dunkel, schwer. Heutzutage kann man verschiedene Arten Horn miteinander kombinieren. Oder Horn mit Holz und Seide. Wie ein Sandwich. So eine Sandwich-Brille ist farbig gemasert, fein und leicht. Ein Gestell kostet mindestens 500 Euro.

"Man muss wissen, wie man mit solchen Gestellen umgeht", sagt Design-Naturell-Geschäftsführerin Petra Weber, "Horn ist ein Naturmaterial. Wenn man das von Zeit zu Zeit ein bisschen fettet, wird es nicht so trocken."

Die Tüftler von Ic! Berlin, Markus T. und Design Naturell haben Neues entwickelt, Gernot Lindner hat Altes wieder entdeckt. Lindner, Inhaber und geschäftsführender Gesellschafter von "Lunor", arbeitete 20 Jahre als Optikermeister und sammelte Brillen, Ferngläser, Zwicker und alte Gläser von 1650 bis 1950. Mit diesem Fundus gründete er 1990 die Firma "Historische Augenblicke". Er holt sich von alten Modellen Inspiration für moderne. Die sind edel und kommen an: Auch der Kanzler trägt Lunor, Modell "Lunor 2". "Die hat er in Hannover gekauft und selbst bezahlt", sagt Junior Dirk Lindner, bevor er gefragt wird. Außer dem Kanzler gefallen die alt-neuen Brillen auch Diane Keaton, Demi Moore und Jeremy Irons.

Wenn es um berühmte Brillenträger geht, trumpft auch Ralph Anderl von Ic! Berlin auf. Marokkos König Mohammed VI. trägt Blech aus Berlin. Schnauzbärtige Männer in weißen Uniformen tauchten vor drei Jahren unvermutet bei einer Optikerin auf und bestellten 42 Brillen "für eine hochgestellte Persönlichkeit in Marokko". Ein paar Monate später die frohe Botschaft: Ic! Berlin war zum Hoflieferanten des marokkanischen Königshauses avanciert.

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