Seit 10 Tagen wird an der Pazifikküste kein Schiff mehr entladen
Streik in US-Häfen legt Weihnachtsmann an die Kette

Die gebeutelte US-Wirtschaft hat ein neues Problem. Reeder und Dockarbeiter in den Pazifikhäfen liefern sich einen erbitterten Arbeitskampf. Industrie und Handel klagen bereits über Engpässe.

siri SAN FRANCISCO. Der Arbeitskampf in den Häfen der amerikanischen Westküste hat die Zutaten eines modernen Krimis: Es geht um Technologie, Macht und Waffen und um Milliarden.

Seit Ende vergangener Woche ruht die Arbeit an den 29 Häfen der US-Pazifikküste. Über 10 000 Arbeiter sind ausgesperrt, hunderte von Containerschiffen können nicht anlegen. Die Reeder reagierten mit Aussperrungen, als sich nach wochenlangen Verhandlungen um neue Verträge keine Einigung abzeichnete und die Arbeitgeber vermuteten, dass die Hafenarbeiter ihre Arbeit absichtlich verlangsamt hätten.

Vor allem die Landwirtschaft ist vom Arbeitskampf betroffen: Äpfel und Bananen drohen auf den Schiffen zu verderben. Auch der Einzelhandel ist nervös: Wenn die Arbeit noch lange ruht, könnten Waren nicht mehr rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft eintreffen. Jeff Klinefelter, Analyst beim Investmenthaus U.S. Bancorp Piper Jaffray glaubt, dass einige Einzelhandelsketten wie Limited Brands und Abercrombie & Fitch die Kollektionen für das Weihnachtsgeschäft jetzt per Flugzeug transportieren lassen. Der Einzelhandelsriese Wal-Mart habe die Weihnachtsartikel bereits auf Lager, vor der Küste wartet bereits die Ware, die zum Jahresbeginn in die Regale soll.

Schneller akut wird die Krise bei Automobilherstellern. Durch schlanke Fertigungslinien mit niedriger Lagerhaltung müssen kleinere Betriebe möglicherweise schon in den nächsten Tagen die Fließbänder stoppen. Schon jetzt verursacht der Arbeitskampf nach verschiedenen volkswirtschaftlichen Berechnungen einen Schaden von rund 1 Mrd.$ täglich. Sollte der Arbeitskampf 10 Tage andauern, könnte die Kosten laut Prognosen 20 Mrd.$ erreichen. Im vergangenen Jahr landeten an den 29 Industriehäfen an der US-Westküste Waren im Wert von mehr als 300 Mrd. $.

Der US-Einzelhandelsverband National Retail Federation hat unterdessen den US-Präsidenten George W. Bush um Hilfe gebeten. Bush hat die rechtliche Vollmacht, den Streitparteien eine 80-tägige Friedenspflicht zu verordnen und die Häfen für diesen Zeitraum wieder zu öffnen.

Bisher hat Bush keine konkreten Maßnahmen angekündigt, mahnte die Streitparteien aber, einen Schlichter anzurufen und die Häfen wieder zu öffnen. Während Experten fürchten, dass der Streik der ohnehin schwachen Konjunktur einen weiteren Dämpfer versetzt, liefern sich Repräsentanten der Gewerkschaft und der Reedereien einen medienwirksamen Machtkampf. Als die Reedereivertreter mit bewaffneten Wachen zu den Verhandlungen erschienen, brachen die Gewerkschaften die Gespräche ab. "Gangster-Taktiken funktionieren bei uns nicht," sagte James Spinosa, Präsident der Gewerkschaft International Longshore and Warehouse Union. Die Reederei-Manager beteuerte dagegen, dass die Pistolen nicht zur Einschüchterung sondern zur Sicherheit mitgebracht wurden.

Kern der Auseinandersetzung sind neue Technologien, die das Ent- und Beladen von Containerschiffen sowie die Abfertigung und den Weitertransport der Waren erleichtern und beschleunigen sollen. So wollen die Reeder beispielsweise Strichcode-Scanner und neue Lesegeräte einführen. Zwar haben die Reeder bereits zugesichert, dass die rund 400 bis 600 Arbeiter, deren Jobs durch die Modernisierung wegfallen würden, weiter beschäftigt werden würden, doch das scheint der Gewerkschaft nicht genug.

Sie fürchten, dass die freigesetzten Hafenarbeiter bei Nicht-Gewerkschaftsbetrieben untergebracht werden würden.

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