Seit 13 Jahren an der Spitze der US-Notenbank Fed
Alan Greenspan oder: Zinspolitik für Geschichtsbücher

Alan Greenspan gilt als mächtigster Notenbankchef der Welt. Aber seine jüngste Zinssenkung wirft die Frage auf, ob er wirklich noch der Stabilitätsapostel ist, als der er angesehen wurde.

HB WASHINGTON. Den Rekord eines seiner Vorvorgänger, der 21 Jahre an der Spitze der amerikanischen Notenbank stand, kann der 74- jährige Alan Greenspan nicht mehr erreichen. Aber mit seinen bislang 13 Jahren als "Chairman of the Board of Governors of the Federal Reserve System" präpariert sich Greenspan jetzt schon für die Geschichtsbücher.

Von Ronald Reagan 1987 zum FedChef berufen, hat Greenspan vier Präsidenten im Weißen Haus gedient. Die Ohnmacht seiner Aufgabe bekam er freilich schon wenige Monate nach Amtsantritt zu spüren, als am "schwarzen Montag" des Oktober 1987 die Kurse an Wall Street um 22 % einbrachen und das Gespenst einer Depression am Horizont auftauchte. Diese Erfahrung hat Greenspan geprägt. Seither ist er bemüht, das Geflecht zwischen Staats- und Privatverschuldung, Ökonomie und Psychologie mit den Mitteln des Notenbankvorsitzenden zu steuern. Seine glasklaren ökonomischen Analysen leiden bei öffentlichen Auftritten freilich unter einer nuschelnden Artikulation.

Mit dem Demokraten Bill Clinton, dessen Partei-Position dem Notenbankvorsitzenden eigentlich fremd sein müsste, verstand sich Greenspan über politische Gräben hinweg. Clinton wollte die wachsenden Haushaltsüberschüsse dazu verwenden, den Schuldenberg des amerikanischen Staates abzubauen. Die öffentlichen Schulden der USA von 3,6 Billionen Dollar sollen bis 2012 abgetragen sein. Das ist ganz im Sinne des vermeintlichen Stabilitätsfanatikers Greenspan.

Nun aber kommt der Republikaner George W. Bush ins Weiße Haus. Der Populist aus Texas möchte den Wählern Steuersenkungen von 1,3 Billionen Dollar spendieren, was in den Augen des Stabilitätsapostels Greenspan fast eine Verschleuderung von Volksvermögen ist. Dennoch macht Greenspan mit der Zinssenkung zu Beginn des Jahres 2001 seinem neuen Präsidenten ein Antrittsgeschenk, dessen Folgen für die amerikanische Konjunktur gar nicht abzusehen sind. Denn Greenspan, der die Zinsen seit Mitte 1999 vorwiegend in "Trippelschritten", also um jeweils nur 0,25 Prozentpunkte, heraufgesetzt hatte, öffnet den Geldhahn nun rascher: Um gleich 0,50 Prozentpunkte nimmt er die Leitzinsen zurück und verbilligt damit die Kreditbeschaffung von Wirtschaft und Verbrauchern. Amerikanische Ökonomen sehen darin das Eingeständnis, dass es der Wirtschaft des Landes noch schlechter geht als die offiziellen Daten besagen.

Indessen legt das Zinsgeschenk für George W. Bush die Frage nahe, ob Greenspan wirklich noch der Stabilitätspolitiker ist, als der er 1987 angetreten ist und sich wenigstens bis 1992 profiliert hat. In einer Situation, da die Verschuldung der Haushalte und der Unternehmen dramatisch zunimmt, die Zinsen zu senken, klingt wie eine Aufforderung zu noch mehr Pump, nur damit die Wirtschaft wieder zu Kräften kommt. Die Ökonomen haben dafür den Begriff "supply push" geprägt. Greenspans Macht leitet sich nicht nur aus seiner Position als Notenbankchef ab. Er kontrolliert die größten Fondsorganisationen der Welt, und er weiß natürlich, dass das Finanzsystem der USA auf ständige externe Kapitalzuflüsse angewiesen ist. Denn eine Volkswirtschaft, die 60 % aller weltweiten Ersparnisse konsumiert, weil die Sparbildung der Amerikaner seit Jahrzehnten lächerlich gering ist, muss laufen, laufen, laufen, damit der Geldfluss von draußen nicht versiegt.

Greenspan gilt heute als mächtigster Notenbankchef der Welt. Er agiert auf einer Bühne, auf der ihm bis vor wenigen Jahren noch Hans Tietmeyer und Jacques de Larosière Konkurrenz machten, auf der aber Wim Duisenberg als Repräsentant des jungen Euros noch nicht ausreichend Profil gewonnen hat. Greenspan, dem auch im Alter von 74 Jahren eine gewisse Eitelkeit nicht abzusprechen ist, hat mit Genugtuung registriert, dass bei seiner letzten Neuberufung durch Bill Clinton ein absonderlicher Vorschlag die Runde machte: Mangels eines kompetenten Nachfolgers sollte Greenspan auch nach dem Jahre 2004 noch an der Spitze der US-Notenbank stehen. Das wäre so etwas wie eine Berufung auf Lebenszeit gewesen. Dass sich Greenspan seiner Aufgabe auch heute noch gewachsen fühlt, demonstriert er bei jeder Fernsehaufnahme: Er eilt die Stufen zu seinem Amtssitz hinauf, als sei er nicht in seinem achten Lebensjahrzehnt, sondern noch ein agiler Mittvierziger.

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