Seit 15 Uhr wird Afghanistan wieder bombardiert
Luftlandeeinheiten bereiten Einsatz von Bodentruppen vor

Amerikanische Kampfflugzeuge haben am Donnerstag erstmals bei Tageslicht die afghanische Hauptstadt Kabul angegriffen. In der Nähe des Flughafens und im Osten der Stadt waren starke Explosionen zu hören. Nahe der Militärakademie der Taliban und einer Artilleriegarnison stieg Rauch auf. Kämpfer der Taliban reagierten mit Flugabwehrfeuer.

ap WASHINGTON. Zum Zeitpunkt der Angriffe gegen 17.30 Uhr Ortszeit (15.00 Uhr) waren noch viele Menschen auf den Straßen, um Einkäufe zu erledigen. In den Wohngebieten nahe des Flughafens ergriffen sie erschrocken die Flucht. Mit dem Taxi oder auf Fahrrädern eilten sie aus dem betroffenen Stadtteil. Am Himmel über Kabul waren zwei Kampfflugzeuge zu sehen, die nördlich des Flughafens Bomben Abwarfen und dann in Richtung Süden davonflogen. Die USA setzten damit den fünften Tag in Folge ihre Angriffe auf Ziele in Afghanistan fort, die sich gegen Einrichtungen der regierenden Taliban und gegen vermutete Stellungen von Terroristen richten.

Blick auf neue Waffen, neue Bündnisse und neue Fronten

Nach den täglichen Luftangriffen auf Ziele in Afghanistan stehen die amerikanischen Militärstrategen offenbar vor einer neuen Phase ihres Krieges gegen den Terrorismus. Dabei richtet sich ihr Blick auf neue Waffen, neue Bündnisse und neue Fronten. Zu den Optionen gehören weitere Luftangriffe, der Einsatz von Spezialtruppen für gezielte Kommandoaktionen und eine Offensive in Abstimmung mit denjenigen afghanischen Kräften, die schon länger gegen das Taliban-Regime in Kabul kämpfen. "Weder ich noch der Präsident haben irgendetwas ausgeschlossen", sagte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf die nächsten Schritte angesprochen in Washington.

Nachdem die US-Streitkräfte offenkundig den afghanischen Luftraum unter Kontrolle gebracht haben, sollen jetzt auch schwere 2 250 Kilogramm-Bomben abgeworfen werden, die als lasergesteuerte "Bunker-Buster-Bombs" bezeichnet werden und auch unterirdische Stützpunkte zerstören können. Ferner ist offenbar an gezielte Tötungen von Taliban-Führern und Milizionären gedacht - so haben Regierungsbeamte den Einsatz von umstrittenen Cluster-Bomben angekündigt, die schon im Kosovo-Krieg mit ihrer Streuwirkung schwere Zerstörungen in serbischen Orten angerichtet haben.

Kleine Gruppen von US-Soldaten bereits in Afghanistan

Gleichzeitig bereiten spezielle Luftlandetruppen eine neue Phase des Krieges vor, in deren Mittelpunkt der Einsatz von Bodentruppen stehen könnte. Kleine Gruppen von amerikanischen und britischen Soldaten sind für Aufklärungszwecke schon vor Beginn der Luftangriffe am vergangenen Sonntag in Afghanistan eingedrungen. Es wird erwartet, dass ihnen demnächst größere Einheiten von Spezialkräften folgen werden. Sie sollen vermutlich weitere Ziele von möglichen Luftangriffen melden und besonders gesuchte Personen ausfindig machen.

Die Angriffe auf die Taliban-Miliz verfolgen nach Informationen aus Washington das Ziel, einzelne Befehlshaber dazu zu bewegen, die Seite zu wechseln und sich entweder der Nordallianz anzuschließen oder auf eigene Faust den Kampf gegen das Regime in Kabul aufzunehmen. Im Süden und Osten Pakistan wird dabei vor allem an jene Führer des paschtunischen Mehrheitsvolks gedacht, die bei der Machtübernahme der Taliban ihren früheren Einfluss verloren. Die Kämpfer der Nordallianz um den gestürzten Präsidenten Burhanuddin Rabbani hätten gern amerikanische Luftunterstützung für ihre eigene Bodenoffensive. Rumsfeld hat dies nicht rundum abgelehnt, aber in Militärkreisen wird dies für die absehbare Zeit als eher unwahrscheinlich betrachtet.

Einige Strategen denken über Afghanistan hinaus

Die US-Regierung blickt aber nicht nur auf Afghanistan - so sind die Kommandeure der US-Streitkräfte in ihren weit gespannten Stationierungsregionen jetzt aufgefordert worden, über mögliche offene wie geheime Operationen gegen den Terrorismus in ihrem jeweiligen Teil der Welt nachzudenken, wie ein Regierungsbeamter am Mittwoch in Washington mitteilte. Im Bemühen um eine möglichst internationale Koalition gegen den Terrorismus vermeidet es die Regierung zwar, von einer Ausweitung des Krieges zu sprechen. Einige Strategen aber dringen auf Interventionen in anderen Ländern - am häufigsten genannt werden Irak mit dem langjährigen Gegner Saddam Hussein, Libanon mit der von Iran unterstützten Hisbollah und die Philippinen, wo die islamische Organisation Abu Sayyaf ihre Mitglieder zu El Kaida nach Afghanistan geschickt haben soll.

Für Unruhe im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sorgte der amerikanische UN-Botschafter John Negroponte mit einem Brief vom ersten Tag der Luftangriffe. Darin heißt es, dass die Ermittlungen gegen die Verantwortlichen für die Terroranschläge vom 11. September noch in einem frühen Stadium seien, "und es gibt noch vieles, was wir nicht wissen". Weiter schrieb der Diplomat: "Wir könnten zu dem Ergebnis kommen, dass unsere Selbstverteidigung weitere Aktionen hinsichtlich anderer Organisationen und anderer Staaten erfordert." Seitdem ist Washington jedoch um eine Relativierung dieser Äußerung bemüht.

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