Seit dem Viertelfinale steht ganz Brasilien still – Trainer Scolari hat seine Mannschaft fest im Griff
Al Pacino verbietet Eskapaden

Der früher belächelte Provinztrainer Luiz Scolari hat es geschafft, seine launischen Superstars zu disziplinieren. In Brasilien ist die anfängliche Skepsis in Euphorie umgeschlagen.

SAO PAULO. Irgendwann zu Beginn seiner Karriere als Trainer der brasilianischen Seleção sagte der 53-jährige Luiz Felipe Scolari, dass seine millionenschweren Cracks klare Regeln brauchen, aber auch motiviert werden müssen - wie Jugendliche eben. Die Fußballexperten belächelten damals den provinziell auftretenden Scolari und seine Sprüche. Lasst ihn reden, kommentierten sie, er wird schon sehen, wie ihm die verwöhnten Stars auf der Nase herumtanzen werden.

Das mit der Disziplin hat Scolari dann schnell klar gestellt. Vor allem in der Vorbereitungsphase und den ersten Spielen der WM war das wichtig. Keine Familienbesuche, wenig Kontakt mit der Presse, keine Eskapaden - das hat die 23 Spieler zusammengeschweißt, auch wenn sie sich in der verordneten Isolation teilweise kräftig langweilten. "Noch nie habe ich einen solchen Teamgeist gespürt wie bei dieser WM", sagt Roberto Carlos, der bei Real Madrid spielende linke Verteidiger, "hier redet keiner schlecht über den anderen, auch nach 40 Tagen ist das Klima in der Gruppe immer noch gut." Auch Ronaldo nutzt die Ruhe, um sich zu konzentrieren und auf die Wiedergutmachung des verpatzten Finales gegen Frankreich 1998 vorzubereiten. In Paris hatte der Stürmerstar noch ein ganzes Haus für Freunde und Familie angemietet und war in jeder Spielpause mit seiner damaligen Freundin und Paparazzi unterwegs.

Inzwischen setzt Scolari vor allem auf seine selbst gestrickte, aber erfolgreiche Motivationsstrategie, die er erstmals vor dem Sieg gegen England angewandt hat: Aus der Autobiographie des US-Basketball-Trainers Phill Jackson liest er den Spielern Zen-Phrasen vor, auf dass sie "psychologisch die Kontrolle behalten". Aus der Schlussszene eines Oliver-Stone-Films über das Comeback eines Football-Teams ("Any given Sunday") wiederholt er ihnen die Appelle, mit denen Al Pacino in der Hauptrolle sein Team anfeuert: "Wir sind eine Mannschaft, entweder wir schaffen das zusammen, oder wir scheitern als Individuen. Nur so funktioniert Fußball."

Von TV Globo, dem größten Sender Brasiliens, besorgte sich der Trainer Mitschnitte von feiernden Fans für die Spieler: "Wenn ich sehe, wie Kinder morgens um drei Uhr in ganz Brasilien vor dem Fernseher sitzen, um uns zu sehen, dann motiviert uns das unheimlich", sagt Roberto Carlos. "Die meisten von uns haben doch schon einen Namen und jeder von uns verdient gut", sagt Torhüter Marcos, "wir sind vor allem hier, um als Brasilianer zu spielen". Deswegen nervt es die Spieler in ihrem von Scolari geförderten Patriotismus, dass ihnen Präsident Fernando H. Cardoso noch nicht einmal ein Glückwunschtelegramm geschickt hat - vor allem jetzt, wo nach dem Viertelfinal-Sieg gegen England der fünfte WM-Titel näher gerückt ist.

Im öffentlichen Leben bewegt sich inzwischen nicht mehr viel - trotz der Krise, in der sich das Land aus Sicht der Finanzmärkte befindet. Auch der Wahlkampf läuft nur auf halber Flamme. Der Kongress ist geschlossen, Brasília verwaist und die Finanzmetropole São Paulo leerer als sonst. Die Kinder haben Ferien, viele Brasilianer sind ins Inland zum Johannisfest verreist. Das passt gut: Die nächtelangen Forro-Tänze werden dann für die Übertragungen - meist um 3.30 Uhr nachts - kurz unterbrochen. Schon während der ersten Spiele öffneten Banken und Behörden erst gegen Mittag, der Unterricht in Unis und Schulen begann später.

Vor der Copa waren sich die PR-Agenturen nicht einig, wie sich die Brasilianer wegen der nächtlichen Übertragungszeiten verhalten würden: Stehen sie überhaupt auf? Was trinken sie: Bier, Cola oder Kaffee ? Wie verfolgen sie die Spiele: Im TV, Radio oder Internet ? Nach 15 Toren und fünf Siegen sind alle Zweifel über mangelndes Interesse verflogen. 52 Millionen Fans sehen die Übertragungen, 93 Prozent aller brasilianischen Fernseher sind eingeschaltet. Banken, Bierkonzerne, Einzelhandel und Autokonzerne werben massiv. Volkswagen verlost bei jeder Übertragung mehrere Modelle des nur in Brasilien produzierten "Gol" ("Tor") und nutzt die WM zur Einführung des gerade vom Band laufenden Polo. Auch Daimler-Chrysler versucht seiner in Brasilien wenig erfolgreichen A-Klasse auf die Sprünge zu helfen.

Wie geht es weiter bei der WM für Brasilien? Altstar Pelé rechnet mit einem harten Spiel gegen die Türkei und ist noch nicht überzeugt, dass der Einzug ins Endsspiel gelingt. Dagegen hofft Trainer Scolari auf ein Finale gegen seinen Wunschgegner Deutschland: "Wir haben noch nie gegen Deutschland bei einer WM gespielt. Außerdem wurden die Deutschen genau so unterschätzt wie wir."

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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