Seit der Enron-Pleite diskutieren Fachleute nun um den besten Rechnungslegungsstandard
Rechnung mit Unbekannten

Wenigstens den Geburtstag des Neuen Marktes hätten die Macher der Deutsche Börse AG gerne ungestört gefeiert. Doch es blieb beim frommen Wunsch. Denn kurz vor seinem fünften Ehrentag lieferte das Wachstumssegment der Frankfurter Börse einmal mehr negativen Gesprächsstoff.

Am vergangenen Montag wurde der Kurs der IM International Media zeitweise ausgesetzt. Was das Management der Filmproduktionsgesellschaft in der Pause zu sagen hatte, schockierte die Anleger. Die IM-Prognosen für das Geschäftsjahr 2001 wurden drastisch reduziert, weil der neue Wirtschaftsprüfer des Unternehmens auf einen Wechsel der Rechnungslegung bestand. Statt Umsatz und Ertrag einer Filmproduktion schon bei der Auslieferung ergebniswirksam zu verbuchen, werden die Zahlen ab 2001 erst beim Kinostart in der Bilanz berücksichtigt. Folge: Umsätze und Gewinne verschieben sich praktisch um ein Jahr. Der Enron-Skandal hatte damit auch den Neuen Markt erreicht. Allein am Montag stürzte der Kurs der IM-Aktie um über 60 Prozent ab, weil gleichzeitig auch noch eine geplante Fusion platzte.

Seit der spektakulären Pleite des US-Energieriesen Enron vor fast drei Monaten kennen die Wirtschaftsprüfer kein Pardon. Wenn sie jetzt die Jahresabschlüsse der Unternehmen kontrollieren und mit ihrem Testat versehen, gehen sie besonders akribisch vor. Die Unternehmen am Neuen Markt, die seit jeher verpflichtet sind, ihre Bilanz entweder nach dem so genannten IAS (International Accounting Standard) oder US-GAAP-Standard (Generally Accepted Accounting Standards) zu erstellen, haben sie dabei besonders im Visier.

Die Machenschaften bei Enron haben schließlich die Schlupflöcher gezeigt, die die US-amerikanischen Bilanzierungsregeln, die noch nicht einmal gesetzlich festgeschrieben sind, bieten. Einer "kreativen" Buchführung leistete das geradezu Vorschub, monieren Kritiker.

Besonders in die Kritik von Aktionärsschützern und Bilanzexperten ist dabei die Verwendung so genannter Pro-forma-Zahlen geraten. Dabei werden, vereinfacht gesagt, hohe Ausgaben aus dem Jahresergebnis des Unternehmens herausgerechnet, weil diese in dem entsprechenden Geschäftsjahr nur temporär angefallen sind - beispielsweise Aufwendungen für einmalige Lizenzen. Oder es werden erwartete Einnahmen hinzugerechnet. Effekt: Der Jahresgewinn sieht nach außen hin vorteilhafter aus, als er in Wirklichkeit ist.

Seit der Enron-Pleite diskutieren Fachleute nun um den besten Rechnungslegungsstandard

Ein anderer Streitpunkt ist die Übertragung von Geschäftsaktivitäten auf so genannte Special-Purpose Entities, kurz ESP genannt. Diese Zweckgesellschaften fallen bereits aus der Konzernbilanz heraus, wenn nur drei Prozent ihrer Anteile bei fremden Gesellschaftern liegen und das ESP mit einem unabhängigen Management arbeitet. Enron beispielsweise bezog am Ende rund 40 Prozent seiner Einnahmen aus ESP.

Die Möglichkeiten, die Finanzlage des Mutterkonzerns durch eine ESP zu verschleiern, sind vielfältig. Bilanzmanipulateure können, vereinfacht dargestellt, beispielsweise Kosten (etwa für die Entwicklung neuer Produkte) oder Verbindlichkeiten (Lieferantenkredite etc.) auf ESP übertragen, was die Gewinn- und Verlustrechnung entlastet beziehungsweise die Passivseite des Mutterkonzerns verbessert und gleichzeitig zu Einnahmen führt. Und in der Konzernbilanz, in der sich diese Tauschoperation wieder ausgleichen würden, tauchen die ESP dann nicht mehr auf. Der Effekt im Extremfall: Nach außen hin sieht es so aus, als würde das Unternehmen so gut wie keine Schulden machen beziehungsweise mit ganz geringen Kosten arbeiten oder überdurchschnittlich gut verdienen.

Eine andere Variante besteht darin, eigene Aktien - zu einem (hohen) Kurs - auszugeben, an eine ESP zu verkaufen und dafür im Gegenzug Anleihen oder Barmittel zu erhalten - faktisch auch wieder ein reines Scheingeschäft, denn wenn man die Finanzströme im Gesamtkonzern betrachtet, heben sich beide Positionen (Vermögen und Verbindlichkeiten) auf. Aber nach außen hin gaukelt der Mutterkonzern Liquidität vor.

Die dritte Möglichkeit besteht darin, dass der Mutterkonzern Finanzierungsgarantien oder Bürgschaften für seine ESP abgibt, auf deren Basis diese zinsgünstige Kredite bei den Banken aufnehmen. Die Gefahr dabei: Auch hier wird die Verschuldung des Gesamtkonzerns verschleiert. Gerät eine der Tochtergesellschaften in Konkurs, kann es schnell zu einem "Dominoeffekt" kommen: Wenn das Mutterunternehmen für all seine Finanzzusagen in Anspruch genommen wird, gerät es darauf hin selbst in finanzielle Schwierigkeiten.

Ein weiteres Feld für unangenehme Überraschungen in der Bilanz bieten schließlich auch die Wertansätze für immaterielle Vermögensgegenstände - insbesondere der so genannte Firmenwert, in der Fachsprache der Bilanzexperten Goodwill genannt.

Er entsteht vor allem dann, wenn ein Unternehmen ein anderes übernimmt. Als Goodwill wird dabei derjenige Betrag bezeichnet, um den der Kaufpreis den Bilanzwert des entsprechende Unternehmens, also Vermögensgegenstände abzüglich Schulden, übersteigt. Erklären lässt sich dieser Aufschlag mit den immateriellen Vermögensgegenständen der Gesellschaft - etwa die gute Marktstellung, eine umfangreiche Kundenkartei oder das gute Know-how. Alles Dinge, die nicht bilanziert werden dürfen, die aber dennoch bei der Ermittlung des Kaufpreises eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

Nach den deutschen Rechnungslegungsvorschriften des Handelsgesetzbuchs (HGB) muss dieser Wert planmäßig abgeschrieben werden. Anders bei US-GAAP: Dort wird seit 2001 der Firmenwert jährlich neu berechnet und gegebenenfalls in einer Summe abgeschrieben. Eine Bürde für Unternehmen, die eines der einstmals hoch bewerteten Medien-, Technologie- oder Telekommunikationsunternehmen übernommen haben. Deren Kurse sind mittlerweile drastisch gesunken, so dass in mancher Konzernbilanz herbe Wertberichtigungen drohen.

Seit der Enron-Pleite diskutieren Fachleute nun um den besten Rechnungslegungsstandard. Einig sind sich die Experten darüber, dass die internationalen Finanzmärkte einheitliche Regeln brauchen, damit das Zahlenwerk von Unternehmen aus unterschiedlichen Ländern vergleichbarer wird. Die Frage ist nur, welcher Standard das sein wird. Bis Enron galten US-GAAP als eindeutiger Favorit - diese Regeln schienen sich an vielen Börsen durchzusetzen. In Deutschland müssen beispielsweise nicht nur die Unternehmen am Neuen Markt, sondern ab dem Geschäftsjahr 2002 auch die Smax-Mitglieder diesen Standard verwenden - oder aber IAS-Regeln, deren Chancen sich deutlich verbessert haben. Allerdings: Die US-amerikanischen Börsenbehörden weigern sich, IAS anzuerkennen, was bereits EU-Kommissar Frits Bolkestein auf den Plan gerufen hat. Er will deshalb im kommenden Frühjahr die Reise nach New York und Washington antreten, um die Amerikaner vor Ort umzustimmen. Die besten Argumente liefern ihm momentan ironischerweise die Bilanzen der amerikanischen Unternehmen selbst.

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