Seit Wochen Übernahmegerüchte
Online-Broker in der Krise

Comdirect, Consors, DAB - die Marktführer unter Deutschlands Direktbrokern geraten immer stärker unter Druck: Sie verlieren stetig Marktanteile. Schuld sind Managementfehler und Eifersüchteleien. Schon machen Übernahmegerüchte die Runde.

FRANKFURT. Bernt Weber, der grauhaarige Vorstandssprecher von Comdirect, kämpft um seinen Job. Es ist kein Geheimnis, dass die Commerzbank mit den Ergebnissen der Tochter zuletzt höchst unzufrieden war.

Karl Matthäus Schmidt muss seine Rolle als Verteidiger erst finden. Seit der dramatische Kursverfall seine Consors Discount Broker AG um mehr als 85 Prozent verbilligte, sind die Nürnberger mit einem Marktwert von 1,3 Milliarden Euro ein Schnäppchen. Seit Wochen kursieren Übernahmegerüchte. Schmidt dementiert, wo er kann.

Auch Matthias Kröner muss ständig schlechte Nachrichten korrigieren. Dass die Kunden wegen des angeblich mäßigen Service seiner Direkt Anlage Bank (DAB) in Scharen davonlaufen, sei "Quatsch", sagt der quirlige Vorstandschef. Im Übrigen laufe das Jahr 2001 so, wie er es in einer früheren Prognose vorhergesagt habe, und das heißt: erfolgreich.

Kämpferisch, verunsichert, trotzig: Die anhaltende Schwäche an den Börsen erschüttert die großen Drei im Online-Brokerage stärker, als sie es wahrhaben wollen. Der 59-jährige Comdirect-Chef Weber muss nach Ansicht von Beobachtern sogar aufpassen, nicht seinen Job zu verlieren. All das zeigt: Für die "jungen Wilden" sind die Zeiten vorbei, in denen sie den Ton der neuen Ökonomie anschlugen.

Alle drei spüren den heißen Atem der Konkurrenz im Nacken. Einer Studie der Investmentbank UBS Warburg zufolge ist der Marktanteil von Comdirect, Consors und der Direkt Anlage Bank im zweiten Halbjahr 2000 um mehr als zehn Prozentpunkte gefallen. Längst zeigt sich ein neuer Trend: Einstige Häuser der zweiten Reihe wie die Dresdner-Bank-Tochter das zur Deutschen Bank-Gruppe gehörende Brokerage 24 und die von der italienischen Bipop-Carire übernommene Entrium sind die neuen Stars der Broker-Szene. Sie legen zu, weil sie ihre Kunden auch beraten. Damit bieten sie genau das, was Anleger in Zeiten fallender Kurse brauchen: professionelle Hilfe.

Der Trend ist an den Branchengrößen vorbeigegangen. Die DAB preist sich zwar als deutsche Antwort auf Charles Schwab und ist mit ihren Anlage-Centern am weitesten vorgedrungen. Doch anders als in Amerika findet der Kunde keine Ratschläge, welche Aktien oder Fonds er denn kaufen soll. Zwar wird im Anlage-Center gleich neben dem Frankfurter Hof schon mal der eine oder andere Tipp ausgetauscht. Auf dem glatten Parkett vor der Fernsehleinwand raunt der Mitarbeiter im karierten Hemd seinen Kunden allerdings nur zu, dass er derzeit sehr viel von Standardwerten hält. Immerhin hat die Chefetage das Versäumnis inzwischen erkannt: So stockte die DAB unlängst ihr Angebot um unabhängige Vermögensverwalter auf.

Statt sich mit den veränderten Bedürfnissen ihrer Kunden zu beschäftigen, droht sich Consors dagegen auf Nebenschauplätzen aufzureiben. Der Einstieg ins Investment-Banking, mit viel Tamtam angekündigt, kostet Consors eine Menge Geld. Und die im Mai 2000 bekannt gemachte Initiative für Privatanleger bewegt sich nicht vom Fleck. Mit einem Einstieg bei der Berliner Börse wollte Consors die Hauptstadtbörse zum Treffpunkt für Kleinaktionäre ausbauen. Doch das Projekt hätte nur mit Hilfe der konkurrierenden Online-Broker funktioniert. Die aber sagten ab, nun droht dem ehrgeizigen Projekt das Aus.

Seit Wochen liegen die Nerven der (Noch-)Marktführer blank, und dabei bekommen sie sich gegenseitig immer öfter in die Haare. So wetterte Consors-Boss Schmidt Ende vergangenen Jahres, DAB und Comdirect seien alles andere als freie Unternehmen. Die Hypo-Vereinsbank-Tochter DAB sei es vielmehr gewohnt, "ihre Milch von der Mutterkuh" zu holen.

Der Konter ließ nicht lange auf sich warten. DAB-Vorstand Kröner schlug heftig zurück. In einem Interview befand er Konsolidierungsdruck unter deutschen Direktbrokern und sagte: "Schwab sucht dringend eine Lösung in Europa." Beide Aussagen, verbunden mit dem schwachen Kurs von Consors, nährten Gerüchte um eine Übernahme der Nürnberger durch den US-Konkurrenten - worauf der Streit weiter eskalierte.

In einem Interview äußerte Schmidt daraufhin die Vermutung, DAB und Comdirect könnten in den nächsten 24 Monaten vom Börsenzettel verschwinden. Dabei hatte Kröner noch im Januar in der Frankfurter Alten Oper eine rührende Laudatio auf den "Unternehmer des Jahres" Schmidt gehalten. Ohne das Consors-Beispiel wäre die DAB niemals an die Börse gegangen, sagte Kröner damals in seltener Harmonie. Während sich die beiden Jungstars beharken, ist Comdirect-Chef Weber mit eigenen Fehlern beschäftigt. Sein Haus werde nicht einmal halb so viele Neukunden wie im Jahr 2000 erreichen, musste er kürzlich einräumen und löste damit eine Kurslawine aus: Als ob sie nicht schon genug gefallen wären, sackten die Aktien der Online- Broker auf ganzer Breite ab.

Nicht erst seitdem gilt der Liebhaber klassischer Musik als Wackelkandidat. Die Quickborner Comdirect Bank hat in der zweiten Jahreshälfte mit Abstand den größten Marktanteil verspielt. Das Kundenwachstum des größten Online-Brokers liegt wohl auch im laufenden Quartal am Boden, hoch sind nur die Akquisitionskosten. Mit mehr als 550 Euro zahlte die Comdirect im dritten Quartal für jeden neuen Kunden weit mehr als doppelt so viel wie der nächste große Wettbewerber, wie UBS Warburg ermittelte.

Im vierten Abschnitt drosselte die Bank immerhin die Werbeausgaben. Doch das allein hilft nicht: Während sich Consors (für den aktiven Kunden) und die DAB (für den Fondskunden) über Jahre in den Köpfen der Anleger zu eigenen Marken formten, gelang Weber das nicht. Und das, obwohl er seine beruflichen Karriere ausgerechnet im Marketing begann. So hat UBS Warburg längst ein handfestes "Marketing-Problem" bei den Quickbornern ausgemacht. Von dort heißt es nur, man werde bald eine "europäische Kampagne" starten.

Zeit wird es, denn die Auslandsexpansion nach Frankreich und Großbritannien könnte sich sonst als Millionengrab erweisen. Für den Kauf des französischen Brokers Paresco-Bourse vor einiger Zeit dürfte Weber "eher zu viel bezahlt" haben, glaubt man in der Umgebung der Commerzbank. Dazu kommen weitere 70 bis 80 Millionen Euro an Expansionskosten, ehe die Gewinnschwelle erreicht werde, wie Weber selbst schätzt. Wenn das mal reicht: Bis Ende 2000 wies die Comdirect nicht einmal 1 000 Kunden in Großbritannien auf, in Frankreich waren es knapp 2 000. Die aktuelle Zahl dürfte höher liegen. Doch auch mit 10 000 Kunden in beiden Ländern wäre das Haus weit vom eigenen Ziel entfernt, unter die ersten Drei eines Landes vorzustoßen.

Die nächsten Quartale werden für die Marktführer entscheidend. Gelingt keine nachhaltige Wende am Aktienmarkt, könnte Consors eine Übernahme drohen, vermuten Investmentbanker - schon weil die Franken keine finanzkräftige Mutter im Hintergrund haben. Interesse an Consors ist in ganz Europa vorhanden. Sogar die Allianz schaut neugierig nach Nürnberg.

Für Comdirect-Chef Weber dagegen ist die Berufung des 37-jährigen Andre Carls als vierter Vorstand vermutlich ein Warnschuss. Ihm bleibt nicht viel länger Zeit als bis zum Amtsantritt von Klaus-Peter Müller als Commerzbank-Chef im Mai. Spätestens bis dahin muss er die Wende schaffen.

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