Selbst die größten Optimisten treten den Rückzug an
Neuer Markt bringt Analysten in Erklärungsnot

dpa FRANKFURT/MAIN. Die Untergangsstimmung am Neuen Markt macht die Börsenanalysten ratlos. Auch am Donnerstag setzte der Index Nemax All Share seine Talfahrt unvermindert fort und fiel auf ein neues Jahrestief von unter 3 000 Punkten. Seit seinem Höchststand im März von mehr als 8 500 Zählern ist er damit auf fast ein Drittel geschrumpft.

Viele der hoch bezahlten Aktienstrategen in den Banktürmen hatten vor wenigen Wochen schon das Ende des Einbruchs verkündet. "Das war´s, der Boden ist da - schlimmer geht es nicht", lautete ihr Credo. Sie sprachen von "Kaufsignalen" und machten den gebeutelten Anleger wieder mit Blick auf die "traditionelle Jahresendrallye" Hoffnung. Doch die Kurse - besonders die der Wachstumsfirmen - gehen weiter gnadenlos in den Keller.

Selbst die größten Optimisten treten nun den Rückzug an. Das Paradebeispiel für völlig überzogene Euphorie und Fehleinschätzung war die Prognose der DG Bank. Ihr Chefanalyst Karl-Eugen Reis hatte bis vor wenigen Tagen unbeirrt 8 000 Punkte für den Nemax All Share bis März 2001 ausgegeben. Vor wenigen Monaten hielten Reis und sein Team sogar 10 000 Zähler für möglich. "Völlig illusorisch", urteilt Anlegeexperte Rolf Elgeti von der Commerzbank in London. "Unseriös", heißt es bei der Deutschen Bank. Ihr Chef-Berater für Privatkunden, Alfred Roelli, gibt erst gar keine Prognosen für den Neuen Markt. Sie seien "kaum fundiert" zu machen. Auch andere Institute verzichten auf Prognosen für den Index-Stand.

Die DG Bank sah sich angesichts der desaströsen Kursentwicklung in den vergangenen Tagen im Erklärungsnotstand. Das Ergebnis der internen Beratungen beim Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken lässt aufhorchen: Nur noch zwischen 6 000 und 6 500 Punkten traut Reis dem Nemax bis März zu. Nach Meinung vieler Experten noch immer eine kühne Erwartung, da sich der Neue Markt- Index in vier Monaten mehr als verdoppeln müsste.

"Wir haben halt keine Kristallkugel, es wird aber sorgfältig gearbeitet", verteidigt Reis die drastische Korrektur. Sein Team habe in der Grundeinschätzung richtig gelegen. Die unerwartete Hängepartie um das US-Präsidentenamt habe weltweit die Stimmung verhagelt. "Der Markt wollte nach oben." Niemand könne exakte Vorhersagen machen - die Richtung sei aber berechenbar. Deshalb glaubt Reis, dass der Neue Markt nun lediglich mit Verspätung wieder auf bessere Zeiten zuläuft. Die 8 000-Punkte-Marke könne im Sommer 2001 erreicht werden.

"Das ist Kaffeesatzleserei - quasi der Versuch, die Lottozahlen vorherzusagen. Das kann niemand", meint dagegen der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Jürgen Kurz. Die Aktionärsschützer warnen immer wieder Privatanleger davor, blind den vermeintlich heißen Tipps von Analysten und Fondsgesellschaften zu vertrauen. In der Szene tummelten sich viele "Blender", die für alles eine Begründung fänden - auch für den eigenen Irrtum.

"Es gibt kaum mehr unabhängige Analysen", kritisiert Kurz. Zwar pochten viele dieser Abteilungen bei Banken auf ihre hausinterne Eigenständigkeit. Die Realität zeige, dass die "Interessenkonflikte" aber zu groß seien. Banken beurteilen Unternehmen, die sie selbst an die Börse geführt haben, in der Regel positiv. Während die Hausbank noch "kaufen" empfiehlt, steht manche dieser Firmen bei unbeteiligten Finanzinstituten längst auf der Abschussliste.

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