Selbst Niki Lauda kann der Nobelmarke in der Formel 1 nicht auf die Sprünge helfen
Gut gebrüllt, Jaguar

Der Wiener Schmäh des Niki Lauda kommt bei RTL-Zuschauern noch immer gut an. In Krisenzeiten aber hilft das nur bedingt weiter, der Jaguar-Statthalter ist nicht mehr unumstritten. Erst recht, nachdem sein Fürsprecher ins Gabelstapler-Fach gewechselt ist.

STUTTGART. Die silberne Raubkatze, die auf dem Dach des grünen Busses von der strahlenden Zukunft des Jaguar-Teams künden sollte, ist längst verschwunden. Das stolze Markensymbol ist tiefer gelegt worden - ganz wie die Erwartungen von Jaguar Racing. Nennenswerte Beute hat die Nobelmarke in ihren zweieinhalb sehr bewegten Jahren Formel 1 nicht gemacht, die drei WM-Pünktchen in dieser Saison stammen aus dem Chaos-Grand-Prix vom Saisonauftakt in Australien.

Die eigentliche Kühlerfigur der britischen Traditionsmarke, deren hervorragender sportlicher Ruf auf einstige Le-Mans-Erfolge beruht, heißt ohnehin Niki Lauda. Der Mann mit der roten Kappe (gerade mit neuem Sponsoraufdruck ausgestattet) ist ein Farbtupfer in all dem distinguierten British Racing Green. Doch die Farbkombination hat dem Österreicher außer dem Titel als CEO der Premier Performance Division bisher nicht viel eingebracht. War alles, was der 53-Jährige bislang getan hat, für die Katz?

Die Muttergesellschaft Ford, die über ihre Tochtergesellschaft Cosworth seit 1967 als erfolgreicher Motorenlieferant in der Formel 1 wirkt, stellt ihr weiteres Engagement beim glücklosen Ausleger derzeit auf den Prüfstand. Das neue Management in Detroit soll sich - so will es jedenfalls die Anekdote - gefragt haben, was denn dieser Mister Eddie Irvine in England mache, der zu den Spitzenreitern der internen Gehaltsliste zähle. Die Herren waren not amused über das Fahrergehalt, das angeblich zehn Millionen Euro beträgt.

Nun muss Lauda, zu dessen Verantwortungsbereich neben dem Formel-1-Team auch die artverwandten Firmen Cosworth und Pi Electronics gehören, schleunigst ein schlüssiges Konzept vorlegen, das erfolgreich sein kann. Die ursprüngliche Langzeitstrategie sah schon für 2003 die Siegfähigkeit vor - gut gebrüllt, Jaguar.

Auf glücklose Vorgänger kann sich Niki Lauda, der neben seiner Tätigkeit als RTL-Experte auch das operative Geschäft des Teams im Fahrerlager führt, nicht mehr berufen. Der aktuelle Rennwagen vom Typ R 3 ist unter seiner Ägide entstanden, doch die Aerodynamiker haben sich gründlich verrechnet. Noch mehr muss er den R 3B auf seine Kappe nehmen. Jaguar hat sich als einziges Team den Luxus geleistet, mitten in der Saison einen komplett umgebauten Wagen ins Rennen zu schicken.

Neues Auto, altes Resultat, gleiche Sorgen. Denn weiterhin fuhr der chronisch klamme Arrows-Rennstall mit alten Jaguar-Motoren dem stolzen Konzernflaggschiff vor der Nase herum. Diese Situation spaltet auch das Ford-Management - eine Fraktion drängt darauf, künftig die Werksmotoren unter eigenem Namen der Konkurrenz von Jaguar zur Verfügung zu stellen, die andere Partei will an der Exklusivität festhalten. Drittens steht ein Ausstieg als All-inklusive-Team und die Rückkehr in die klassische Leihmotoren-Branche zur Debatte.

Niki Lauda ist es längst leid, angeblich bevorstehende Rausschmisse zu dementieren. Natürlich weiß er: "Wer keine Erfolge hat, ist angreifbar." Aber Angriff war schon immer seine bevorzugte Verteidigung. Er versucht weiterhin, die alten Strukturen aufzubrechen - doch der Wiener Schmäh kommt im auf die eigene Rennzunft stolzen England nicht so gut an wie beim RTL-Publikum. Die geplante Renovierung des Ex-Teams von Jackie Stewart ähnelt mehr einer Totalsanierung.

Jaguar aber läuft die Zeit davon, und schließlich war Lauda auch wegen seiner vermeintlichen Wunderheiler-Qualitäten von Wolfgang Reitzle verpflichtet worden, ehe der Chefmanager der Premier Automotive Group ins Gabelstapler-Tuning zu Linde wechselte. Noch aber funktioniert das Beckenbauer-Prinzip nicht.

Vielleicht auch wegen interner Erschwernisse: das Team sitzt in Mittelengland, der Windkanal befindet sich in Kalifornien, die Teststrecke in Belgien. Zumindest hat Laudas Landsmann Günther Steiner als technischer Geschäftsführer die aerodynamischen Problemen in den Griff bekommen.

Dennoch fährt Jaguar am Wochenende beim Großen Preis von Ungarn erneut um den guten Ruf. Die Macher-Natur Lauda dürfte manches Mal danach sein, den Schreibtisch gegen das Cockpit zu tauschen. Den Versuch hat er einmal, ausnahmsweise, Anfang des Jahres gemacht. Er stieg in den Jaguar, um ein modernes Formel-1-Auto besser verstehen zu verlernen. Die Testfahrt endete mit einem Dreher ins Kiesbett und indiskutablen Rundenzeiten. Spätestens da spürte Lauda, wie schwierig es ist, Jaguar zu bändigen.

Spott war ihm eh gewiss. Auch Weltmeister Michael Schumacher lästerte damals im Handelsblatt: "Das hätte vielleicht sogar meine Frau geschafft."

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