Selbstbewusst vorgetragene Rede
Milosevic: "Schandtat gegen Jugoslawien"

Als Schandtat gegen die ganze Nation hat Jugoslawiens Ex-Präsident Slobodan Milosevic am Donnerstag den Kriegsverbrecherprozess gegen ihn kritisiert. Den NATO-Luftkrieg gegen Jugoslawien im Jahr 1999 bewertete er als Kriegsverbrechen.

Reuters DEN HAAG. "Dies ist eine Schandtat gegen eine ganze Nation, gegen ein ganzes Volk", sagte Milosevic in seiner ersten ausführlichen Erwiderung auf die Anklage, die 66 Anschuldigungen wegen Kriegsverbrechen enthält. "Das ganze Ding ist eine Manipulation und Lügengeschichte", sagte der 60-Jährige. Milosevic, der wie am Vortag eine Krawatte in den serbischen Nationalfarben blau, weiß und rot trug.

In seiner selbstbewusst vorgetragenen Rede sagte Milosevic, die Nato habe mit ihrem Luftkrieg gegen sein Land das Ziel verfolgt, "Serbien in die Steinzeit zurückzubomben". Tausende von Frauen, Männern und Kindern seien getötet worden. Die Nato habe "ganze Stadtzentren in Schutt und Asche gelegt", es seien mehr Krankenhäuser als Panzer getroffen worden.

All dies stelle eine schwere Verletzung der UNO-Charta dar und sei zudem ohne Billigung des UNO-Sicherheitsrates geschehen, erklärte Milosevic zur Untermauerung seiner Kernthese, dass der Nato-Krieg gegen das Völkerrecht verstoße. Milosevic präsentierte dem Gericht zahlreiche Fotos von getöteten Menschen, darunter Kinder und alte Menschen.

Der gelernte Jurist Milosevic verteidigt sich selbst, weil er die Rechtmäßigkeit des UNO-Kriegverbrechertribunals nicht anerkennt. Das Verfahren sei Teil eines "Lynch-Prozesses" gegen ihn. Gericht und Medien seien Beteiligte in einer Kampagne ihn zu dämonisieren, hatte er bereits am Vortag gesagt.

Milosevic präsentiert "Monitor"-Beitrag als Beweis

Zum Auftakt seiner Verteidigungsrede präsentierte Milosevic einen Beitrag des WDR-Magazins "Monitor", um den NATO-Krieg gegen Jugoslawien als Verletzung des Völkerrechts darzustellen. Angebliche Gewaltakte gegen Albaner im Kosovo und deren Vertreibung seien nur ein Vorwand für den NATO-Krieg gewesen, sagte er vor dem UNO-Tribunal.

In dem "Monitor"-Beitrag kamen Menschen zu Wort, die sagten, die Morde an Kosovo-Albanern 1999 bei Racak seien als Vorwand für die Luftangriffe der NATO genutzt worden. Die Anklage hatte in ihrem Eröffnungsplädoyer auf diese Morde verwiesen.

Außerdem sagte ein Vertreter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in dem Fernsehbeitrag, dass der NATO-Einsatz gegen das Völkerrecht verstoße, weil die NATO kein Mandat dafür gehabt habe.

Milosevic argumentierte, dass das Vorgehen der jugoslawischen Serben im Kosovo vom Westen nur ausgenutzt wurde, um selbst seinen Einfluss auf dem Balkan auszuweiten.

Anklage wirft Milosevic Gräueltaten vor

Die Ankläger des UNO-Kriegsverbrechertribunals hatten Milosevic am Mittwoch mit den ihm zur Last gelegten Gräueltaten der drei zwischen 1991 und 1999 geführten Kriege auf dem Balkan konfrontiert. Sie legen dem langjährigen Staatschef neben Kriegsverbrechen auch Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Kroatien, Bosnien und dem Kosovo zur Last. Sie haben angekündigt, 300 Zeugen – "von Opfern bis zu Vertrauten" des Ex-Präsidenten – in den Zeugenstand rufen zu wollen.

Das, was unter Milosevics Verantwortung bei der Umsetzung seines Plans für ein Groß-Serbien an Grausamkeiten begangen worden sei, sei geschichtlich ohne Parallele – mit Ausnahme der Massenmorde der Faschisten während des Zweiten Weltkriegs, sagte der Vertreter der Anklage, Geoffrey Nice.

Nach Angaben eines Beraters von Milosevic will dieser führende Politiker des Westens als Zeugen aufrufen lassen, um zu beweisen, dass er in den Balkankriegen gegen Kroatien und Bosnien mit deren Einverständnis gehandelt habe. Die Klage gegen ihn hatte Milosevic als Versuch der Staaten des Westens gewertet, ihre eigene Einflussnahme auf dem Balkan zu verbergen.

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