Selbstverwaltete Betriebe
Der süße Traum vom Kollektiv

Nach den vielen Rückblicken auf 60 Jahre Bundesrepublik könnte man meinen, in den 1970er Jahren habe es nur Studentenproteste und den Bombenterror der RAF gegeben. Doch da gab es auch die Utopie im Kleinen: Wenn man schon den Staat nicht zum sozialistischen Paradies umkrempeln konnte, so doch vielleicht die eigene Firma?

DÜSSELDORF. Der Traum vom selbstverwalteten Betrieb begann irgendwann Mitte der 70er Jahre. Statt fremdbestimmt für einen Arbeitgeber zu arbeiten, gründeten meist jüngere Menschen neue Firmen, in denen es weder einen Chef, noch die ausschließliche Ausrichtung auf geschäftlichen Erfolg gab, sondern gleichen Besitz und gleiche Rechte für alle.

Viele dieser Firmen entstanden in den links-alternativen Biotopen von West-Berlin wie etwa in Kreuzberg. So auch das zunächst sehr überschaubare Entrümpelungsunternehmen eines gescheiterten Jurastudenten aus dem badischen Eppingen namens Klaus Zapf. spürte offenbar genau, wie er bei seiner Zielgruppe landen konnte: Sein Unternehmen, dass sehr schnell zu einem hochprofessionellen Umzugsunternehmen heranwuchs, war damals nicht nur konkurrenzlos günstig, sondern eben auch "im Besitz der Belegschaft". Das stand in großen Lettern auf den Umzugswagen. So warb das Unternehmen auch noch Mitte der 80er Jahre, als es längst zu einem regelrechten Umzugs-Konzern gewachsen war.

Die Euphorie über die Selbstverwaltung und den Gemeinschaftsbesitz hielt bis weit in die 80er Jahre hinein. Es gab Bioläden und-bauernhöfe, Kranken- und Altenpflegebetriebe, Zeitungen und Zeitschriften, Kneipen, Theater und Kinos. Damals ging die Zahl der Kollektivbetriebe in die Tausende, allein in Hessen waren es rund 220. Einer davon war das Frankfurter Stadtmagazin "Pflasterstrand", das der studentenbewegte Daniel Cohn-Bendit 1976 mitgegründet hatte.

Das Blatt bot alles, was die Frankfurter Protestszene haben wollte: von krausen Pamphleten der sogenannten Autonomen, über Protest gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens mit der "Startbahn West" bis zu biederen Kneipenkritiken oder einem Veranstaltungskalender. Für alle Mitarbeiter des einst berühmt-berüchtigten Sprachrohrs der linken Spontiszene gab es noch bis in die zweite Hälfte der 80er Jahre einen Einheitslohn von 1400 Mark. Das war damals für einen Studenten viel, für einen Familienvater wenig Geld.

Der "Pflasterstrand" erlangte zwar immer wieder bundesweite Aufmerksamkeit, seine Bekanntheit war aber von Anfang an weit größer als der Geschäftserfolg. So war denn auch der mickrige Einheitslohn eigentlich noch zu hoch - die Schulden waren zwar selbstverwaltet, aber sie stiegen vor allem dank mehrerer unrentabler Beiboote wie der Kasseler Ausgabe. Selbstausbeutung der Kollektivmitglieder und der damit verbundene Frust waren ein wesentliches Merkmal der Alternativbetriebe. "Davon müssen wir endlich weg", sagte Cohn-Bendit damals. "Wir wollen gute Leute und die sollen irgendwann einmal auch gut bezahlt werden."

So beschloss Miteigentümer Cohn-Bendit, aus einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung in Selbstverwaltung eine ganz normale GmbH zu machen. 1986, zehn Jahre nach Gründung, stand Cohn-Bendit in Verhandlungen mit dem Hamburger Zeitschriftenkonzern Gruner + Jahr. Der wollte zehn Millionen Mark in das Magazin investieren und es bundesweit auf den Markt bringen, doch die Sache scheiterte damals am Chef des Verlages, Gerd Schulte-Hillen. Man habe sich inhaltlich nicht einigen können, sagte Cohn-Bendit. Das Hamburger Verlagshaus wollte wohl auch inhaltlich das Sagen haben.

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