„Sell in July and go away“
Nur statistisch steht das Schlimmste bevor

Bei der Hitze der vergangenen Woche sind Anleger, die Jahr für Jahr im Sommer ihre Aktien verkaufen und fern von Kursen und Kapitalmärkten das Leben genießen, doppelt zu beneiden. Sie lassen die Seele baumeln, und ihr Depot macht während dessen eine bessere Figur als das der Ganzjahres-Anleger.

FRANKFURT. Für "Sell in May and go away" ist es zu spät - zum Verkauf aber noch nicht, sollte sich dieses Jahr die junge Abwandlung der alten Börsenweisheit "Sell in May and go away" bestätigen: "Sell in July and go away". Noch schwächer als von Mai bis einschließlich September, den nach der Sell in May-These schwächsten Börsenmonaten, schlugen sich die meisten Indizes in der jüngeren Vergangenheit von Juli bis September. Experten rechnen aber für heuer mit einem Ausnahmejahr und raten vom Verkauf ab.

Beim S&P 500 waren Juli bis September von 1996 bis 2000 immer schwächer als Mai bis September. Durchschnittlich brachten Juli bis September minus 2,6 %, Mai bis September plus 1,3 %. Beim Dax waren Juli bis September mit minus 4 % ebenso deutlich schwächer als Mai bis September mit minus 0,7 %. Auch beim Eurostoxx 50 waren Juli bis September von 1996 bis 2000 die wahren Bären-Monate: 5,1 % verlor der Index durchschnittlich in diesem Zeitraum, von Mai bis September nur 2,4 %.

Über Jahrzehnte ist zu beobachten, dass im Winter gesammelte Gewinne im Sommer dahinschmelzen: Hätte ein Anleger 1950 mit 10 000 $ begonnen und nur von Mai bis Oktober in den S&P 500 investiert, wäre er im Jahr 2000 auf 22 000 $ gekommen. Hätte er das Geld von November bis April angelegt, wären aber über 370 000 $ daraus geworden. Eine Untersuchung beim Dax ergibt: Wer sein Geld jeweils von November bis April investierte, kam seit 1979 von 10 000 auf 88 500 , in der restlichen Zeit nur auf magere 11 100 .

Erklärungsversuche für die Sommer-Talfahrten gibt es viele. Am ehesten überzeugt für die USA, dass Ende Oktober das Geschäftsjahr der Aktienfonds endet und sich Fondsmanager von schwachen Werten trennen. Viele Anleger nehmen dies vorweg und verkaufen noch früher. Für Deutschland kann die Dividendensaison im Frühjahr als Erklärung dienen. Viele Anleger kassieren die Dividenden und verkaufen dann die Papiere.

ABN Amro bietet sogar ein Zertifikat an, das auf die Schwäche der Börsen im Sommer direkt reagiert. Das "Best Season-Zertifikat" auf den Dax (WKN 559 282) bildet von November bis Juli den Dax ab. Von August bis Oktober ist es nicht investiert. Das Zertifikat richtet sich an Langzeitinvestoren. "Denn auch wenn der Dax in den vergangenen 30 Jahren von August bis Oktober am schwächsten war, wiederholt sich die Entwicklung nicht jedes Jahr", sagt Stefan Gresse, Produktentwickler bei ABN Amro.

Ein Zertifikat, an dem auch der Emittent verdient, müssen Anleger natürlich nicht kaufen, um von der mit beängstigender Regelmäßigkeit wiederkehrende Sommerflaute zu profitieren. Sie können auch in Eigenregie im Herbst kaufen und im Sommer verkaufen. Zwei Vorteile aber hat das Zertifikat, die - laut ABN Amro - rechtfertigen, dass die Bank von August bis Oktober mit dem Geld wirtschaftet, der Kurs des Zertifikats aber stagniert: Anleger sparen Transaktionsgebühren und Steuern, wenn sie das Zertifikat länger als ein Jahr halten. Wer selbst im Herbst kauft und im Sommer verkauft, muss Jahr für Jahr seinen Gewinn mit dem Fiskus teilen.

Auch heuer schmelzen die Aktienkurse bislang in der Sommersonne dahin. "In einer Übertreibungsphase wie zurzeit ist das Tief nicht exakt zu bestimmen. Der Boden sollte aber an den europäischen Märkten nicht mehr allzu weit entfernt sein", sagt Ralf Zimmermann, Marktanalyst bei Sal. Oppenheim. Dafür sprächen Bewertungskennzahlen, makroökonomische Indikatoren und die schlechte Stimmung der Anleger. "Ist die Stimmung extrem negativ, ist das ein gutes Zeichen." Auch DZ Bank-Analyst Herbert Sturm schließt ein Drehen der Märkte noch im Sommer nicht aus. Auf lange Sicht hätten die Sommermonate zwar meist die Depot-Entwicklung nicht verbessert. "Bringen aber die US-Quartalsberichte ab Ende Juli positive Überraschungen, könnte dies Anleger, die noch am Strand liegen, durchaus auf dem falschen Fuß erwischen."

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