Seltene Verkaufsempfehlungen - Herabstufungen kommen häufig zu spät
Analysten sind notorische Optimisten

Bankexperten stufen eine Aktie oft erst dann herab, wenn der Kurs bereits abgestürzt ist. Anleger warten meist vergebens auf Tipps für den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg.

2.11.2000 DÜSSELDORF. Die Telegate-Aktie zählt derzeit nicht zu den Favoriten der Analysten. Vorgestern stuften zwei weitere Banken den am Neuen Markt notierten Titel herab. In den vergangenen Tagen senkten damit bereits fünf Institute den Daumen. Diese Bankanalysten kamen allerdings alle zu spät. Denn Telegate fielen nach einer Gewinnwarnung bereits am Freitagmorgen um mehr als 40 %. Privatanleger, die sich auf die Analysten verließen, konnten ihre Titel nicht mehr rechtzeitig verkaufen.

Das ist kein Einzelfall: Nicht nur bei Telegate hinken die Bankexperten den Ereignissen hinterher. Auch die Kursverluste beim Netzwerkspezialisten Cisco und beim Chip-Giganten Intel überraschte die meisten Analysten. Sie nahmen ihre Empfehlungen erst zurück, als die Kurse bereits in den Keller gerutscht waren. Beim Neuer-Markt- Titel EM.TV und beim US-Computerbauer IBM war es nicht anders. Auch den Abstieg auf Raten bei der Telekom und Daimler-Chrysler sagte kaum ein Experte rechtzeitig voraus.

"Viele Analysten tun sich schwer, einen Titel auf Verkaufen zu stufen, den sie zuvor empfohlen haben", sagt Fondsmanager Johannes Day, der für die Fondsgesellschaft der Dresdner Bank, Deutscher Investment Trust (DIT), 2 Mrd. Euro verwaltet. Die meisten offiziellen Urteile der Bankexperten seien außerdem zu optimistisch, sagt Day.

Tatsächlich veröffentlichen nur sehr wenige Analysten negative Prognosen. Private Anleger warten daher meist vergebens auf Tipps für den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg.

Druck bei negativen Urteilen

"Eine Aktie auf Verkaufen zu stellen, kann viel Ärger bringen", erklärt Analyst Ernst Scheerer von Dresdner Kleinwort Benson. Er zählt zu den wenigen Experten, die bei Telegate schon seit Monaten zum Verkauf raten. Solche negativen Urteile seien manchmal schlecht fürs Geschäft, erzählt Scheerer. Schließlich arbeitet er - wie fast alle Analysten, deren Urteile veröffentlicht werden - auf der so genannten "Sellside" (Verkaufsabteilung) seiner Bank. Scheerers Abteilungskollegen verdienen ihr Geld damit, dass sie Firmen an die Börse bringen und Kapitalerhöhungen begleiten.

"Wenn ein Unternehmen auch Kunde ist, kommt bei negativen Urteilen schon mal Druck", sagt Scheerer. Dann werde manche Verkaufsempfehlung abgeschwächt zu einem "Halten"-Urteil. "Man nennt das Corporate Hold ", sagt der Analyst. Wer um die Geschäftsbeziehungen zwischen Bank und Unternehmen wisse, könne sich seinen Teil dazu denken.

Beispiel Telegate: Bei dem Auskunftsdienst mit dem bekannten Slogan ("Da werden Sie geholfen") bekräftigte die Privatbank Sal. Oppenheim ihr Urteil "Halten", nachdem Telegate eine Gewinn- und Umsatzwarnung veröffentlichte. Sal. Oppenheim begleitete den Telegate-Börsengang. Analyst Frank Rothauge betont, dass er die Aktie bereits seit Monaten zurückhaltend bewertet. "Der Finanzvorstand hat sich immer beschwert, wir seien die einzigen mit einer Halten-Empfehlung", erzählt Rothauge. Als verkappte Verkaufsempfehlung sei sein Rating aber nicht zu verstehen.

Noch vorsichtiger äußert sich Rainer Raschdorf von der DG Bank, die ebenfalls zum Telegate-Konsortium gehörte. Er reduzierte sein Urteil von einer Kaufempfehlung lediglich auf "Akkumulieren", was einer verhalten optimistischen Einschätzung entspricht. Raschdorf bestreitet jeden Zusammenhang zwischen dem Urteil und der geschäftlichen Verbindung mit Telegate - ebenso wie David Armitage von Morgan Stanley. Die US-Investmentbank führte das Bankenkonsortium beim Telegate-Börsengang. Der Morgan-Stanley-Experte bekräftigte am Tag des Kurssturzes seine Einstufung "Outperform" (überdurchschnittliche Kursentwicklung) und senkte lediglich das Kursziel von 140 Euro auf 120 Euro.

Institute, die beim Telegate-Börsengang nicht zum Zug kamen, bewerten die Aktie kritischer. So beurteilt das Wertpapierhaus Hornblower Fischer die Titel inzwischen mit "Trading Sell" (Verkaufsempfehlung). Die Privatbank Merck Finck senkte ihr Urteil von "Outperform" (allerdings auf nur) auf "Halten".

Beispiel Deutsche Telekom: Die Wirtschaftswoche untersuchte Studien zur T-Aktie. Das Ergebnis war eindeutig - Telekom-Konsorten bewerteten den Konzern positiver als Nicht-Konsorten.

"Bei Analystenurteilen muss man genau beachten, woher sie kommen", sagt Fondsmanager Day. Er schert sich wenig um offizielle Empfehlungen, sondern baut auf die DIT-interne Analyseabteilung. Deren Studien gehen jedoch nicht an die Öffentlichkeit.

Nicht immer sind allerdings die Analysten schuld, wenn ein negatives Urteil nicht veröffentlicht wird. So empfahl DG-Bank-Experte Raschdorf im April die Gigabell-Aktie zum Kauf. Als später die Liquiditätsprobleme des heutigen Pleitekandidaten offenkundig wurden, konnte Raschdorf seine Empfehlung nicht zurücknehmen: Die so genannte Compliance-Abteilung der DG Bank hatte Gigabell auf die Sperrliste der Werte gesetzt, zu denen das Institut sich nicht äußern darf. Auf dieser Liste landen Aktien, wenn die Bank - etwa durch Geschäftsbeziehungen - kursrelevante Nachrichten erfährt, die vertraulich behandelt werden müssen. "Für Privatanleger ist das Verfahren natürlich ungünstig", sagt Analyst Raschdorf.

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