Sensoren für die Gesundheitsüberwachung in Weste und Pullover – die Elektronik zum Anziehen wird alltagstauglich
Intelligente Kleidung: Chips werden gebügelt

Frühstück beendet, Jackett übergezogen und ab ins Büro. Das Handy eingesteckt? Geschenkt, die Sorge. Es ist schlicht ins Jackett integriert.

 

DÜSSELDORF. Nicht als kompaktes Gerät, sondern zerlegt in seine elektronischen Bestandteile, eingewebt in den feinen Zwirn. Den nach der Rückkehr rasch gegen eine Joggingweste ausgetauscht, auch die gespickt mit Chips, Sensoren und Speicherkarte. Ein sanfter Druck auf den Knopf im Armel - schon erklingt die Lieblingsmusik zum Lauf durch den Wald. Aus winzigen Lautsprechern, eingenäht in den Kragen. Zugleich überwacht die Weste Puls- und Schrittfrequenz.

Mehr als Schmuck und Schutz

Kleidung, die nicht mehr bloß schmückt und schützt, sondern auch technische Funktionalität bietet? Nicht nur Wolf Hartmann, Leiter des Bochumer Klaus Steilmann Instituts für Innovation und Umwelt (KSI), gegründet vom gleichnamigen Modezaren aus dem Ruhrgebiet, sieht darin "eine große Geschäftschance" für die Bekleidungsindustrie. Hartmann: "Mode wird künftig mehr sein als das Andern von Schnitten, Kragenform und Farbtrends."

Ganz neu ist die Idee von der Elektronik zum Anziehen nicht. Doch bisherige Lösungen beschränkten sich meist darauf, Handys und Kleinrechner in Innen- und Außentaschen zu verstauen und die Komponenten zu verkabeln. Levi's hatte nach diesem Prinzip mit Philips-Technik Jeansjacken und eine Weste entworfen. Viele Käufer fanden sich bei Stückpreisen von fast 1000 Euro nicht, inzwischen ist das Projekt eingestellt.

Der Münchner Halbleiterhersteller Infineon Technologies hat die Technik mit der echten Integration in die Kleidung jetzt alltagstauglich gemacht. Chips und Sensoren lassen sich mit einnähen, ebenso die leitfähigen Stoffbahnen aus hauchdünnen silberummantelten Kupferdrähten, über die Signale und Daten zwischen den Komponenten ausgetauscht werden (siehe Grafik). Diese sind so eingekapselt, dass sie mitgewaschen und gebügelt werden können.

Elektronik wird eingewebt

"Die Kleidungsstücke lassen sich handhaben wie gewohnt, bieten aber jede Menge Zusatznutzen ohne viel teurer sein zu müssen", sieht Infineon-Technikvorstand Sönke Mehrgardt das Tor zu Massenanwendungen weit aufgestoßen. Mit rund zehn Euro Mehrkosten rechnen die Münchner.

Die Elektronik ist nahezu beliebig konfigurierbar. Sender lassen sich ebenso einweben wie Empfänger für Satellitensignale (GPS) oder intelligente Etiketten. Nur Batterien und Speicherkarten sind herausnehmbar. Zum Aufladen beziehungsweise um neue Musiktitel oder Software aufzuspielen. Das Feld an Einsatzmöglichkeiten ist weit. Mehrgardt: "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt." Den Businessanzug, über den Manager unterwegs ins Internet gehen, um Geschäftspost zu erledigen, kann er sich ebenso vorstellen wie Kinderkleidung, in der ein GPS-Sender den Eltern meldet, wo sich ihr Nachwuchs aufhält.

Einen baldigen Durchbruch erwarten die Infineon-Entwickler auf dem medizinischen Sektor. Patienten auf der Intensivstation bräuchten nicht mehr verkabelt zu werden; in Pyjamas und Nachthemden eingebettete Elektroden überwachen ihre Körperfunktionen. Auch der Gesundheitszustand älterer Menschen und von Pflegebedürftigen ließe sich leichter kontrollieren. Für solche Anwendungen wird nicht einmal eine Batterie gebraucht. In die Kleidung integrierte Thermogeneratoren gewinnen die benötigte Energie aus der Körperwärme.

Die meisten Deutschen würden Hightech-Kleidung tragen

Elektronische Etiketten, auf denen Waschanleitungen, Artikelnummern und Besitzer gespeichert sind, brächten ebenfalls Erleichterungen. Kaufhäuser könnten darüber bei Inventuren auf Knopfdruck ihre Bestände überprüfen, Großwäschereien Kleidungsstücke zweifelsfrei identifizieren.

Alles nur Spielereien ohne Marktrelevanz? Keineswegs. Rund 80 Prozent der Erwachsenen in Deutschland würden sich solche High-Tech-Textilien anschaffen und dafür einen höheren Preis akzeptieren. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Bekleidungsphysiologischen Instituts Hohenstein hervor. Ein Drittel der Aufgeschlossenen würde für die zusätzliche Funktionalität bei Geschäftskleidung einen Aufschlag von bis zu zehn Prozent hinnehmen, ein weiteres Drittel sogar bis zu 30 Prozent.

Die Bekleidungshersteller sehen die Chance. Kaum ein Unternehmen, so ein weiteres Ergebnis der Erhebung, das sich nicht auf den Trend einstellt. Infineon rechnet damit, in spätestens zehn Jahren rund 100 Millionen Euro mit Elektronik für Jacken und Westen umzusetzen. Der Wandel wäre weit reichend. "Die Verkäufer in den Bekleidungsgeschäften müssten dann nicht nur etwas von Schnitt, Größen und Sitz verstehen, sondern auch von Elektronik", greift KSI-Chef Hartmann einen Aspekt heraus.

Von Dieter Dürand, Wirtschaftswoche

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%