Separatistische Regierungspartei wählt Hardliner zum Premier der frankophonen kanadischen Provinz
Landry will Quebec in die Unabhängigkeit führen

gbr OTTAWA. Der in der kanadischen Provinz Quebec regierende separatistische "Parti Québécois" (PQ) hat den bisherigen Vizepremier und Finanzminister Bernard Landry zum neuen Vorsitzenden gewählt. Landry, der sein gesamtes politisches Leben der Trennung Québecs von Kanada gewidmet hat, gilt als Hardliner der Souveränitätsbewegung. Mit der Wahl zum Parteivorsitzenden wird er auch Regierungschef von Québec. Er wird sein Amt als Nachfolger von Lucien Bouchard in dieser Woche antreten. Eine formelle Wahl durch den Parteikonvent in Saint-Hyacinthe war nicht erforderlich, da Landry keinen Gegenkandidaten hatte.

Er hoffe, der letzte Premier der Provinz Québec zu sein, "der einen Großteil seiner Arbeit dafür verwenden muss, Québecs nationale Frage zu lösen", sagte der 64-Jährige nach seiner Ernennung am Freitag. Vor den 400 Delegierten machte er deutlich, dass sein Ziel eine souveräne Nation Québec sei. Landry nannte aber keinen Termin für ein drittes Unabhängigkeitsreferendum. Parlamentswahlen müssen in Québec spätestens im Herbst 2003 stattfinden.

Lucien Bouchard war im Januar als Parteichef zurückgetreten, weil es ihm nicht gelungen war, die Bevölkerung Québecs für die Unabhängigkeit von Kanada zu begeistern. Parteiintern war ihm vorgeworfen worden, das Souveränitätsprojekt nur halbherzig verfolgt zu haben. Von Landry erwartet der PQ, dass er offensiv für die Loslösung von Kanada eintritt.

Im Oktober 1995 waren die Separatisten in einer Volksabstimmung den Gegnern der Souveränität hauchdünn mit 49,4 zu 50,6 % der Stimmen unterlegen. Umfragen deuten darauf hin, dass eine klare Mehrheit der Québecer derzeit kein Referendum wünscht und die Separatisten kaum Chancen hätten, dieses zu gewinnen. Landry rief alle Anhänger der Souveränitätsbewegung auf, die Québecer zu überzeugen, dass der kanadische Föderalismus Québecs Entfaltung und Wohlstand behindere. Er nannte Kanada "die andere Nation", deren Handeln von eigenen Interessen bestimmt sei. Québec werde trotz seines Reichtums innerhalb Kanadas immer eine arme Provinz sein. Er wolle "eine arme Provinz in ein reiches Land umwandeln."

Während sein Vorgänger Bouchard und auch der legendäre Réne Lévesque, der 1980 als Premier das erste Unabhängigkeitsreferendum durchführen ließ, ihre politische Laufbahn in Parteien begannen, die Kanada als Gesamtstaat nicht in Frage stellen, gehörte Landry bereits Anfang der 60-er Jahre der damals entstehenden Unabhängigkeitsbewegung an und war einer der Gründer des Parti Québécois Ende der 60-er Jahre.

Landry ist dafür bekannt, dass er in seinen Reden häufig seine Emotionen nicht bremsen kann. Im Januar löste er im übrigen Kanada und unter den Befürwortern Kanadas in Québec einen Sturm der Entrüstung aus, als er die kanadische Ahornblatt-Fahne als "roten Fetzen" bezeichnete.

Der erste heftige Konflikt zwischen Landry und der Bundesregierung ist bereits programmiert. Québec fordert, beim Gipfel der Staats- und Regierungschefs der amerikanischen Staaten vom 20. bis 22. April mit am Verhandlungstisch sitzen zu dürfen, was die Regierung in Ottawa aber ablehnt. Im Gegensatz zu diesem Gipfel hat Québec in der Frankophonie, der französischsprachigen Staatengemeinschaft, neben Kanada Sitz und Stimmrecht.

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