Serben kämpfen um ihre Freiheit
Kommentar: Das Finale

Mit fast elfjähriger Verspätung findet Jugoslawien Anschluss an die Freiheitsbewegung in ganz Osteuropa: Was Sanktionen, Blockaden und selbst ein Luftkrieg nicht schafften, besorgen jetzt möglicherweise die Serben selbst - sie erkämpfen sich ihre Freiheit. Das es dabei nicht so gewaltfrei zugeht wie 1989 in Berlin, Prag oder Budapest, ist nicht die Schuld der Regimegegner, die sich bis zuletzt um friedliche Mittel bemühten. Die Verantwortung für Jugoslawiens Ruin wie für das Blutvergießen in Belgrad trägt allein Präsident Slobodan Milosevic. Nach der offensichtlich verlorenen Wahl am vergangenen Sonntag hatte der Diktator lange gezögert, doch dann entschied er sich für Krieg. Damit blieb er sich treu. Immer wieder hatte er auf innenpolitische Krisen mit Gewalt reagiert - bisher allerdings nach außen. Jetzt aber erklärte er dem eigenen Volk den Krieg. Auf nichts anderes lief die Entscheidung des Verfassungsgerichts hinaus, die Wahl vom vergangenen Sonntag zu annullieren und - womöglich erst im kommenden Sommer - völlig neu wählen zu lassen. Angesichts der Tatsache, dass das Regime den Oppositionskandidaten Vojislav Kostunica selbst mit offensichtlicher Wahlfälschung nur knapp unter 50 Prozent halten konnte, war das eine offene Provokation der Wähler. Dabei sollte niemand das Gericht für unabhängig halten: Die Verfassungsrichter wurden von Milosevic selbst ausgewählt. Der Despot in Belgrad wollte sich mit diesem neuen Winkelzug Zeit erkaufen - und setzte auf ein allmähliches Abflauen der Proteste. Doch das war eine dramatische Fehlkalkulation, das Urteil brachte die Empörung der Serben richtig auf Touren.



Entscheidend war aber, dass immer mehr bislang regimetreue Gruppen Milosevic als das erkannten, was er spätestens seit dem vergangenen Sonntag ist: eine politische Leiche. Nach der Kirche, den staatsnahen Gewerkschaften und Journalisten wechselten in der Schlacht um das Parlament in Belgrad gestern auch zahlreiche Polizisten das Lager und schlossen sich den Demonstranten an. Auch auf das Militär kann das Regime nicht mehr bauen. Damit hat der Autokrat die letzte Stütze seiner Macht in Jugoslawien verloren.



Selbst auf den slawischen Bruder Russland kann Milosevic kaum noch zählen. Präsident Wladimir Putin hat die Macht, dem Belgrader Machthaber mit einem Telefonanruf den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Und es gibt Anzeichen dafür, dass Moskau endlich über den eigenen Schatten springt und ebenfalls auf die Seite der Sieger wechselt.



Dabei kann es Milosevic, seiner Frau und ihrer korrupten Machtclique jetzt nur noch darum gehen, die nackte Haut zu retten - egal, ob in Moskau oder Minsk, in Peking oder Pjöngjang. Ihre Aussicht, im Gegenzug für eine rasche Abdankung zumindest ein trockenes Eckchen im Exil zu ergattern, schwindet jedoch von Stunde zu Stunde. Die Gefahr - oder vielmehr die Chance - , dass der vielfache Kriegsverbrecher doch noch vor dem Uno-Tribunal von Den Haag landet, steigt rapide.



Damit ist es nun endlich erlaubt, mit Optimismus auf die Entwicklung Jugoslawiens und damit des ganzen Balkans zu blicken. Anders als damals in den anderen ehemaligen Ländern des Ostblocks steht in Belgrad eine neue Führungsmannschaft bereit. Mit dem gewählten Präsidenten Kostunica verfügt das Land über einen Staatschef, der sich auf eine breite demokratische Legitimierung stützt. Dass Kostunica ein serbischer Nationalist ist, darf nicht als Makel gelten. Erstens ist dies sein gutes Recht. Und zweitens erlaubte ihm erst diese Haltung, die große Mehrheit des Volkes gegen Milosevic zu mobilisieren.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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