Serie (7): Wellness und Freizeit
Zahnpflegetipps im Warenhaus

Massagen, Optiker oder Zahnpflege-Beratung: Der Gesundheitsmarkt erschließt den Warenhäusern, den weit über 100 Jahre alten Flaggschiffen des Einzelhandels, neue Geschäftsfelder. In Tests loten Karstadt und Kaufhof aus, ob ihre Klientel den Wellness-Service annimmt.

DÜSSELDORF. Die Japanerin war erleichtert, als sie in der Bremer Karstadt-Filiale endlich den Stand mit der Kennzeichnung "Info Z" entdeckte. Sie habe ihren Mann verloren, berichtete sie den Helfern. Die Berater von "Info Z" helfen auch bei solchen Alltagssorgen. Eigentlich steht "Z" für zahnmedizinische Beratung, doch Peter Zernial, Kieferorthopäde in der Hansestadt, ist es sehr lieb, "wenn die Kunden mit Alltagsfragen kommen". Das eröffnet die Chance, den medizinischen Zweck von "Info Z" vielen Kunden zu erläutern.

Das Projekt, das Karstadt im Rahmen seiner Gesundheits- und Wellness-Strategie in Bremen testet, ist neuartig auf deutschem Boden. In Kooperation mit örtlichen Zahnärzten werden alle Fragen nach Zahnpflege, Zahnhygiene und Zahnmedizin beantwortet. Ziel ist es, herauszufinden, wie Gesundheitsdienste im Warenhaus angenommen werden. Nicht zufällig steht Info "Z" gleich neben der Karstadt-Wellness-Abteilung.

"Das Projekt ist bundesweit noch ein Unikat", so Initiator Zernial. Er wollte etwas gegen die Negativpresse über Deutschlands Zahnärzte tun. Doch mehr noch: "In Zukunft müssen wir mit den anderen Konsumausgaben konkurrieren", spielt er darauf an, dass die Krankenkassen immer weniger zuzahlen. Deshalb suchen Zernial und seine Kollegen den Kontakt zum Endverbraucher. 50 der 420 Bremer Zahnärzte konnte Zernial gewinnen. Weil in der Praxis niemand Zeit für Beratungsgespräche hat, suchte die Zunft den Kontakt zum Endverbraucher. Als geeigneten Ort mit viel Publikum entschied man sich für Karstadt-Filiale.

Bei Warenhaus-Geschäftsführer Wagner fand er ein offenes Ohr, sind doch auch die Flaggschiffe des Einzelhandels auf der Suche nach belebenden Ideen fürs Geschäft. Denn mit dem herkömmlichen Verkauf von Ware allein ist die Zukunft kaum zu sichern. Der Einstieg ins Gesundheitsgeschäft - neudeutsch: Wellness - verspricht Perspektiven. Gerade die Warenhäuser haben im Gesundheitsmarkt gute Chancen, urteilt Walter Wortmann, Geschäftsführer der Medical Innovations GmbH in Düsseldorf, der auf strategische Unternehmensentwicklung im Gesundheitsmarkt spezialisiert ist. "Vom Grundsatz her sehen wir hochfrequentierte Innenstadtlagen als die künftigen Flächen für Gesundheitsdienstleistungen jedweder Art".

Die Warenhäuser von Karstadt und Kaufhof mit ihren großen Flächen, ihren bekannten Namen, den vielen Millionen Stammkunden und den Kundenbindungssystemen (Kundenkarten), seien besonders prädestiniert. "Wir glauben, dass Gesundheit und alle Dienstleistungen, die damit verbunden sind, letztlich retailfähig sind. Das ist einer der Zukunftsmärkte für die Warenhäuser."

Das sieht Guido Schild, Direktor für Unternehmensentwicklung bei Karstadt-Quelle, auch so: "Ich glaube, dass dieser neue Trend das Konsumverhalten total umkrempeln wird. Das wird zu einer Umschichtung der Ausgaben führen". Und darauf müssen die Händler reagieren. Grund für die neue Welle ist laut Schild das kaputte Gesundheitssystem. Kuren, Massagen oder Krankengymnastik werden von den Krankenkassen immer seltener bezahlt. Diese Branchen müssen sich etwas ausdenken, damit die Bürger ihre Dienste auf eigene Rechnung in Anspruch nehmen.

Bei Medikamenten steigen die Zuzahlungen. Außerdem wächst die Gruppe der über 50-Jährigen, die ein hohes Gesundheitsbewusstsein hat. Das veranlasste die betroffenen Branchen in die Offensive zu gehen und mit den Labels "Gesundheit" oder "Wellness" zu werben. Es sei eine große Marketing-Maschinerie angelaufen, berichtet Schild

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Um welchen Markt geht es? Der größte Teil entfällt auf den zweiten Gesundheitsmarkt, in dem der Konsument als Selbstzahler auftritt. Gesamtvolumen: 210 Mrd. Euro. Das zweite ist der Einzelhandelsmarkt mit gesunden Nahrungsmitteln, Kosmetik, Sportbekleidung und Sportgeräten. Gesamtvolumen: rund 390 Mrd. Euro. Nicht zuletzt ist der Tourismus mit 27 Mrd. Euro zu nennen, wie Schild auflistet. Aus diesen Märkten entfallen etwa 50 Mrd. Euro auf den Gesundheits- und Wellness-Markt. Tendenz steigend. Denn Experten wie Wortmann und Schilling erwarten hier jährlich zweistellige Wachstumsraten. Bei Karstadt, so schätzt Schild, entfallen von den 15,8 Mrd. Euro Umsatz - quer durch alle Sortimente - Waren im Wert von 400 Mill. Euro in diese Rubrik.

Seit das Info-Z-Team im Haus ist, verkauft Karstadt Bremen beispielsweise mehr Zahnseide als früher, weiß Schild, der sich noch andere Dienstleister - Optiker oder Apotheker etwa - vorstellen kann. Drogerien oder Apotheken könnten ebenfalls als Untermieter ins Warenhaus einziehen. Karstadt selbst verkauft begleitend die Waren dazu. Die britische Kaufhaus-Kette Selfridges bietet in London und Manchester bereits Zahnkosmetik als Dienstleistung an.

Den Wellness-Apekt hat auch die Kaufhof Warenhaus AG in ihr Konzept "Emotions" eingebaut. Neben dem Sortiment aus Damen-Wäsche, Damenober- und-sportbekleidung, Accessoires sowie Damen- und Herren-Parfüm gibt es zwei Spa (Wellness-Oasen), einen Friseur und ein Kosmetik-Studio. "Der Wellness-Bereich läuft gut, er wird rege genutzt," berichtet eine Kaufhof-Sprecherin über die Erfahrungen seit 1999 in Nürnberg, Köln und Karlsruhe. Bei passenden Ladenlokalen will Kaufhof expandieren.

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