Serie: Die Deutschland AG in drei Jahren (I) - McKinsey erwartet höheren Druck auf Unternehmen
Übernahmen stärken Wachstumskräfte

Mit der Steuerbefreiung auf Veräußerungsgewinne beginnt die Auflösung der Deutschland AG. Ein größerer Einfluss des Kapitalmarktes kann Unternehmen und Aktionären nur gut tun.

DÜSSELDORF. Das schier undurchdringliche Geflecht von Beteiligungen und Überkreuzbeteiligungen - oft als Deutschland AG karikiert - hemmt die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Aus einer Neuordnung der althergebrachten Industriestrukturen in Deutschland können Wachstumsimpulse entstehen, die heute noch weitgehend verkannt werden. Deutschland kann es sich nicht leisten, darauf zu verzichten: Mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 1,6 % in den letzten zehn Jahren sind wir Schlusslicht in der Europäischen Union.

Neben klassischen wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie etwa der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes oder einer Senkung der Staatsquote können Wachstumsimpulse aus einer stärkeren Einflussnahme des Kapitalmarkts auf die Unternehmen entstehen. Wie solch ein Kapitalmarkt aussehen könnte, zeigen die USA und Großbritannien. Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich Industriebetriebe und Finanzkonzerne fern ihrer Kernkompetenzen engagieren, halten dort Kapitalgesellschaften (AG und GmbH) praktisch keine Aktien von fremden Unternehmen.

Permanenter Anpassungsdruck

An deren Stelle stehen dort Investment- und Pensionsfonds, die im Interesse ihrer Investoren unerbittlich auf Wertsteigerung drängen. Übernahmen und Fusionen bewirken in den angelsächsischen Ländern traditionell in weitaus stärkerem Umfang einen permanenten Anpassungsdruck auf die Unternehmen und treiben den industriellen Strukturwandel stetig voran.

Der Wachstumsimpuls daraus ist nicht zu unterschätzen. Ein Zahlenspiel: Bei Übernahmen werden regelmäßig Prämien von einem Drittel und mehr auf den bisherigen Unternehmenswert gezahlt. Das Motiv für diese deutlich höheren Zahlungen kann letztlich nur darin begründet liegen, dass ein Wechsel in der Eigentümerstruktur auch zu einer um rund 30 % höheren operativen Leistung führt. Folglich kann man in einer groben Schätzung davon ausgehen, dass der Verkauf von nur 3 % der deutschen Unternehmen an einen besseren Eigentümer die Leistung der gesamten deutschen Wirtschaft um etwa einen Prozentpunkt erhöht - natürlich verteilt über mehrere Jahre.

Natürlich ist es Spekulation, welcher konkrete Anteil dieser Beteiligungen in anderer Hand zu der genannten Wertsteigerung führt. Die Größenordnung ist jedoch schnell erreicht. Immerhin halten deutsche Kapitalgesellschaften rund 40 % der Marktkapitalisierung deutscher börsennotierter Gesellschaften.

Umfassende Neuordnung der Eigentümerstrukturen

Zwei Gesetzesinitiativen der Bundesregierung können dabei die Grundlagen für eine umfassende Neuordnung der Eigentümerstrukturen schaffen. Die Neuregelung des Übernahmerechts verspricht den Verhandlungspartnern mehr Transparenz und Rechtssicherheit beim Unternehmenskauf. Und die Unternehmenssteuerreform senkt die Transaktionskosten, indem sie Kapitalgesellschaften von 2002 an von Steuern auf Gewinne befreit, die sie beim Verkauf von Unternehmensbeteiligungen erzielen. Durch die Verringerung der Kosten werden viele Unternehmensveräußerungen und-entflechtungen deutlich erleichtert, wenn nicht sogar überhaupt erst ermöglicht.

Die Steuerreform wird damit eine Vielzahl von Verkäufen nicht-strategischer Minderheitsbeteiligungen von Banken und Versicherungen an Industrieunternehmen auslösen. Die Deutsche Bank hat, um nur ein Beispiel zu nennen, bereits angekündigt, mittelfristig ihr umfangreiches Portefeuille an Industrieunternehmen vollständig zu veräußern.

Doch auch Industrieunternehmen werden sich von ihren alten Beteiligungen trennen und die darin verborgenen stillen Reserven realisieren. Besonders gilt dies etwa in der Energiebranche. Erste Trends zeichnen sich bereits ab: RWE hat schon jetzt mit einer schrittweisen Reduktion ihrer über 60 Jahre alten Mehrheitsbeteiligung an dem Druckmaschinenhersteller Heidelberger Druck begonnen. Der komplexe Tausch zwischen den Energiekonzernen Eon und BP verfolgt das gleiche Ziel, kann doch Eon im Gegenzug für die Übertragung des nicht zur Kernstrategie passenden Tankstellengeschäfts ihren Anteil an Ruhrgas ausbauen und so einem strategischen Ziel näher kommen.

Auflösung der Deutschland AG

So wird die Steuerreform als Initialzündung zur Auflösung der Deutschland AG fungieren. Selbst wenn viel versprechende Transaktionen auch früher trotz hoher Steuerlasten durchgeführt wurden: Der Druck auf einzelne Branchen für eine grundlegende Restrukturierung und Neuanordnung der Eigentümerverhältnisse, wie er derzeit im Finanzsektor und im Energiebereich zu beobachten ist, wird zunehmen und der Wirtschaft neue Wachstumsimpulse geben.

Denn Unternehmen, deren neuer Eigentümer sie fordert und fördert, können sich besser entwickeln als zuvor. Und die bisherigen Anteilseigner erhalten durch die Freisetzung lang gebundener liquider Mittel Chancen, sich durch zusätzliche Investitionen in Kerngeschäftsfelder im internationalen Wettbewerb besser zu positionieren.

Bernd Heinemann ist Partner bei McKinsey & Company, Benno Gröniger ist Berater bei McKinsey & Company, Thomas Augat ist Practice Specialist bei McKinsey & Company.

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