Serie: Die Deutschland AG in drei Jahren (II) – Goldman Sachs erwartet neue Kapitalmarktkultur
Neue Eigentümer fordern eine höhere Rendite

Deutsche Firmen müssen sich für den schärferen Wettbewerb um internationales Kapital rüsten. Die Steuerbefreiung auf Veräußerungsgewinne hilft, die Konzentration auf das Kerngeschäft umzusetzen.

FRANKFURT/M. Vom Big Bang und vom raschen Ende der so genannten Deutschland AG ist dieser Tage die Rede. Die Erwartungen, dass die Steuerreform - kommt sie denn wie geplant - die Gesellschaften in Deutschland auf einen Schlag dazu bringt, ihre Entflechtungen abzubauen und sich von ihren Beteiligungen zu trennen, ist sicherlich übertrieben. Ohne Wirkung wird die Steuerreform aber nicht bleiben. Sie ist der Katalysator, der unausweichliche Restrukturierungen in Deutschland schneller vorantreibt. Diese Veränderungen finden jedoch vordringlich aus strategischen Überlegungen und nicht aus steuerlichen Gründen statt.

Die deutsche Unternehmenslandschaft wird in drei Jahren anders aussehen als heute. Die Ursachen dafür liegen zum Teil schon zehn Jahre zurück: Denn neben anderen Faktoren hat die Wiedervereinigung dazu geführt, dass Deutschland von einem Kapitalexporteur zu einem Kapitalimporteur geworden ist. Diese Veränderung hat die Umstellung von einer kreditfinanzierten zu einer kapitalmarktfinanzierten Wirtschaft nach sich gezogen. Deutsche Unternehmen können sich nicht mehr nur im Inland finanzieren und müssen sich daher an den globalen Kapitalmärkten behaupten.

In den vergangenen Jahren sind weltweit liquidere und größere Märkte für Anleihen und Aktien entstanden. Daher sind die Unternehmen bei der Kapitalbeschaffung weniger auf die enge Bindung zu einer Hausbank angewiesen, die häufig auch noch am Unternehmen beteiligt war.

Die enge Beziehung ist aber auch aus Sicht der Banken obsolet geworden. Denn die Finanzinstitute haben immer größere Schwierigkeiten, branchenfremde Beteiligungen vor ihren Aktionären als optimale Mittelverwendung zu rechtfertigen; zu groß ist der Performancedruck im eigentlichen Kerngeschäft.

Unter steigendem Performancedruck stehen aber nicht nur die Banken, sondern die gesamte deutsche Unternehmenslandschaft. Die auch international zu beobachtende Fokussierung auf das Kerngeschäft rückt in den Mittelpunkt.

Durch den Verkauf von Beteiligungen und Nicht-Kerngeschäften wird Kapital frei, das Unternehmen und Finanzinstitute effizienter für ihr Kerngeschäft einsetzen können. Diese Reallokation der Mittel sollte es erlauben, weitere Produktivitätsvorteile zu realisieren, oder auch im Kerngeschäft zu expandieren, was die Wachstumskräfte in Deutschland stärkt.

Ein einheitliches Muster, nach dem die Verkäufe stattfinden werden, lässt sich nicht ausmachen. Einige Unternehmen werden ihre Beteiligungen an Lieferanten, Konkurrenten oder Kunden veräußern, anderen werden Töchter im Rahmen von Börseneinführungen Anlegern öffnen, oder sich im Falle bereits börsennotierter Beteiligungen in Form von Block-Trades oder Wandelschuldverschreibungen von ihren Beteiligungen trennen.

Mit den Eigentümerwechseln wird sich die Kapitalmarktkultur in Deutschland festigen. Im Zusammenhang mit den neuen Besitzverhältnissen wird der Wettstreit um die beste unternehmerische Idee für die Verwendung von "Corporate Assets" vor einem zunehmend interessierteren Publikum an den Kapitalmärkten stattfinden, das mit seinen Investment- oder Desinvestment-Entscheidungen über den Erfolg einer Unternehmensstrategie "abstimmt".

Die künftigen Eigentümer werden nicht befreundete Unternehmen oder in ihrer Sanktionsfähigkeit eingeschränkte Kleinaktionäre sein, sondern in stärkerem Maße auch performance- und wertorientierte Fonds, die zunehmend auch in der "Corporate Governance" von Unternehmen ihren Einfluss geltend machen werden.

Der Wandel wird durch die verstärkte Notwendigkeit zu privater Altersvorsorge zusätzlich gefördert. Sie wird zu verstärkten Engagements - meist in Form von Fonds - am Kapitalmarkt führen. Ökonomen schätzen, dass allein auf Grund der Pensionsreform bis 2010 rund 250 Mrd. Euro in die Kapitalmärkte fließen werden. Dies lässt eine mittel- und langfristig positive Entwicklung der Kapitalmärkte erwarten. Die Geldströme der Fonds können sich aber auch ihren Weg auf fremde Anlagemärkte suchen, die liberalisierter und transparenter sind.

Im globalen Wettbewerb um die Gunst der Anleger helfen Unternehmen nur steigende Produktivität und Transparenz. Erstere kann die Konzentration auf das Kerngeschäft in vielen Unternehmen noch deutlich vorantreiben. Benchmark-Untersuchungen zeigen dies. Zweitere dürfte dafür sorgen, dass Themen wie einheitliche Bilanzierungsvorschriften oder eine effiziente Neugestaltung der Unternehmens-Governance, die eine erfolgsorientierte Führung und Kontrolle des Unternehmens ermöglicht, an Bedeutung zunehmen werden.

Dr. Alexander Dibelius ist Managing Director und Co-Head of Investment Banking bei Goldman, Sachs & Co. oHG

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