Serie: Ihr persönlicher Karriereberater
Karriereberater: Stichwort Standortanalyse

"Schneller, weiter, höher als der Rekord und das Sahnehäubchen noch oben drauf!" lautete die Devise der vermeintlich erfolgreichen neuen Managergeneration noch gestern. Je zielsicherer heute die Volkswirtschaft dem Nullwachstum entgegensteuert, desto mehr Managementpositionen wackeln.

DÜSSELDORF. Für Gesellschafter ist klar: In schwierigen Zeiten muss man rationale Köpfe ans Ruder lassen und Gewinnvisionäre bis zur nächsten Schönwetterfront nach Hause schicken: über Aufhebungsverträge, Versetzungsangebote, Nichtverlängerung von Verträgen. Wer bei nüchterner Betrachtung um seinen hochdotierten Arbeitsplatz fürchten muss, sollte also rasch reagieren.

Doch vor der Aktion steht immer die Einsicht. Und da beginnt bei vielen Führungskräften bereits die Crux. Der Abteilungsleiter eines Elektronikunternehmens bewegt sich als Stellvertreter des Erfolgs durch die Welt und merkt nicht, dass er bereits den Misserfolg vertritt. Der Betriebswirtschaftsstudent, der nach Studienabbruch Karriere in einem heute wackeligen Telekommunikationsunternehmen machte, fordert bei Vorstellungsgesprächen in anderen Branchen Gehälter, die dort jenseits von Gut und Böse liegen. Der Vertriebsmann eines angeschlagenen Konzerns macht sich und seinen Kunden etwas vor: Als die Unternehmensführung Golfklasse bei Leihwagen verordnet, zahlt er aus eigener Tasche dazu, um sich bei Kunden weiter im 5er BMW blicken zu lassen. Nicht nur, dass so mancher Manager mit der aktuellen Lage wie ein Torwart auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Einige wollen einfach nicht wahrhaben, dass der Ball bereits im Netz liegt.

Gefragt ist das nüchterne Ausloten des eigenen Standortes im Unternehmen, die Wahrnehmung und Interpretation von Frühwarnindikatoren für die eigene Karriere sowie die Erarbeitung von Überlebens- oder Veränderungsstrategien. Wenn sie schließlich zu der Einsicht gekommen sind, besser das Feld zu räumen, unterschätzen hochdotierte Fach- und Führungskräfte nicht selten den Ernst der Lage: Die eigenen Qualifikationen und deren Nachfrage werden überschätzt. Wie sagte doch vor zwei Jahren ein großspuriger Projektmanager einer der größten Luftnummern an der NASDAQ: "Nach diesem Unternehmen interessieren mich nur noch Geschäftsführungspositionen." Resultat solcher Überschätzung: Die Anstrengungen um einen alternativen Arbeitsplatz fallen oftmals zu gering aus, um nahtlos einen neuen Arbeitsplatz einnehmen zu können. Da wird ein gutes Versetzungsangebot abgelehnt, weil die Mühen des Pendelns zu groß erscheinen. Aus persönlicher Verletztheit oder Überheblichkeit wird zu wenig um gute Arbeitszeugnisse gekämpft. Zu wählerisch und kleinlich werden alternative Stellenangebote beäugt. Andere Manager akzeptieren, weil eine adäquate Position, Mobilität oder Flexibilität fehlen, eine wesentlich schlechtere Position. Trotz guter Qualifikationen und vorzeigbarem Werdegang haben sich schon viele Karrieristen in der Rezession verspekuliert. Ein Karriereknick oder die Meldung beim Arbeitsamt bleiben auch solchen Leuten nicht erspart. Für Kandidaten mit dem Prädikat "arbeitslos" gibt es in Unternehmen ganz tiefe Schubladen. Unterschätzt wird auch, wie viel Zeit von den ersten Suchbemühungen bis zum Auftun eines neuen Jobs vergeht: aus ungekündigtem Status mindestens sechs bis neun Monate.

Fazit: Auf der Talfahrt in die Rezession ist es wichtig, sich einer kritischen Standortanalyse zu unterziehen. Kommen Zweifel an der eigenen Überlebensfähigkeit auf, sollten Sie schnell reagieren. Das Prädikat "ungekündigt" hilft. Führungskräfte der Topebene können bei der Stellensuche eine dritte Person einschalten, um sich nicht zu outen. Ist eine Jobalternative aufgetan, dann können Sie immer noch entscheiden, ob Sie eine verbindliche Bewerbung abgeben. Oder Sie reden erst mit Ihrem Arbeitgeber Klartext über die berufliche Zukunft.

Der Autor ist Inhaber von act! Andersch Consulting & Training in Aachen.

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