Serie: Karriere ohne Grenzen
"Hier ist Kultur, richtig Kultur"

Der Ostwestfale spricht die Worte in der Diktion, die der gemeine Wiener verwendet, wenn er leicht hämisch zwischen Schmäh und Schmach die deutschen "Piefkes" nachäffen will. "Schangse" statt "Chance" sagt Rüdiger vorm Walde, seit zwei Jahren Generaldirektor der österreichischen Bundesbahnen (ÖBB).

WIEN. Hoch gewachsen und mit leuchtenden Augen, kommt der weißhaarige 57-Jährige dem Bild nahe, das die Austriaken vom bedrohlichen Germanen im verfreundeten Land des schwergewichtigen deutschen Bruders haben. Aber den Herrn über 97 000 Beschäftigte der ÖBB scheint das nicht anzufechten.

Zur Gelassenheit beim Zusammentreffen der Mentalitäten trägt wohl bei, dass er sich um den Job an der ÖBB-Spitze nicht gerissen hat. Der Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe von 1994 bis 2001 war im Nebenamt in den ÖBB-Aufsichtsrat bestellt worden. Beim Kontrollgremium der österreichischen Bahn wurde während dieser Zeit eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich nach Kandidaten für einen neuen Vorstand umsehen sollte. "Und dann wird man eines Tages gefragt: Sag mal, willst du nicht?" erzählt vorm Walde beim Gespräch im stuckverzierten Büro der ÖBB-Zentrale in Wien.

"Neugierde" war das Motiv, was ihn schließlich reizte. Die Zustimmung seiner Familie war ihm wichtig. Als seine Frau und die beiden Söhne einwilligten, wagte er den Sprung von der deutschen in die deutschsprachige Hauptstadt.

"In Berlin haben mich alle uneingeschränkt beneidet, dass ich nach Wien gehe", erinnert sich vorm Walde. Aber das Naherlebnis war dann doch ein anderes. "Ich habe Wien so gut wir gar nicht gekannt", hat der ÖBB-Chef eingesehen. Die sporadischen Aufenthalte bei ÖBB-Aufsichsratssitzungen haben wenig geholfen. "Man hat seine Verpflichtungen. Da ist wenig Zeit zum Kennenlernen."

Im Alltag sieht die Sache dann anders aus: "Man kommt an und denkt, man spricht das eine definierte Deutsch. Aber ich habe mir inzwischen klar gemacht, dass hier Ausland ist." Es gebe in Österreich eine ganz andere Art der Zusammenarbeit. Da treffe man sich morgens im Kaffeehaus zum Frühstück und arbeite trotzdem ernsthaft. So etwas gebe es in Berlin nicht. "Hier ist Kultur, richtig Kultur", schwärmt der ÖBB-Manager im großbürgerlichen "Schillerhof".

Der ehemalige Realschüler ist als Generaldirektor Chef des wichtigsten Staatsunternehmens in einem titelsüchtigten Land, wo das Tragen von Adelsprädikaten zwar gesetzlich verboten ist, der Ehrentitel "Hofrat" aber selbst verdienten Gewerkschaftsführern verliehen wird. Dennoch geht vorm Walde mit seiner Karriere auf dem zweiten Bildungsweg völlig unbefangen um. Gleich zu Beginn des Gesprächs in der Wiener ÖBB-Zentrale berichtet er von seiner Ausbildung an einer privaten Wirtschaftsfachschule, die in seinem zweiten Semester zur Fachhochschule aufgewertet wurde.

Fünf Jahre war der frisch gebackene Diplom-Betriebswirt nach dem Studienabschluss als Gutachter für verschiedene Transportunternehmen tätig - "quer durch die Bank im Nahverkehr. Ein bisschen Schifffahrt, Eisenbahn und Taxiverkehr war auch dabei. Da lernen Sie die Branche kennen." Nach Führungspositionen im Raum Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen folgte der Sprung nach Berlin zu den dortigen Verkehrsbetrieben mit rund 15 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von einer halben Milliarde Euro. Ein Parteibuch, das in Österreich erst mit zunehmender Globalisierung seine Rolle als berufliche Aufstiegshilfe verliert, hat der ÖBB-Chef für seine Karriere nicht gebraucht. In Zeiten der Öffnung des österreichischen Proporzsystems kommt ihm das sicher entgegen. Zudem hat vorm Walde das Märchen von der Wiener Gemütlichkeit durchschauen gelernt, die effektiver Problemlösung nicht im Wege steht. "Der Eindruck täuscht. Wenn es ums Geschäft geht, ist der Österreicher sehr präzise. Er hat immer eine Lösung, wo der Deutsche längst behauptet, es gehe nicht", beschreibt er den Unterschied. Der Balkan ist eben dicht dran. "Man findet einen Kompromiss, selbst wenn jeder zuerst etwas anderes gewollt hat", lobt der Deutsche.

Diese Flexibilität gepaart mit Zuverlässigkeit und Schnelligkeit mache die Österreicher zu begehrten Geschäftspartnern in den Nachbarländern, die der Europäischen Union beitreten wollen. Die Österreicher würden es verstehen, nicht als dominant aufzutreten, sondern sich als Gleicher unter Gleichen zu präsentieren, beschreibt vorm Walde seine Eindrücke.

Untergekommen ist seine Familie im Villenstädtchen Mödling vor den südlichen Toren Wiens. Die Ehefrau - das klingt durch - hat allerdings bei der Kontaktsuche durchwachsene Erfahrungen mit der Ständegesellschaft in der Hauptstadtregion Österreichs gemacht.

Der ÖBB-Generaldirektor selbst scheint sich dagegen pudelwohl zu fühlen. Als Symbol hängt im Chefbüro ein Organigramm der K.u.k. Kaiserin-Elisabeth-Bahn aus den seligen Zeiten der Habsburger Doppelmonarchie. Die historische Urkunde wurde vorm Walde von einem Berliner Kollegen verehrt. Von der Donau an die Spree war das Blatt laut Unterschrift am 5. Oktober 1976 als Gastgeschenk eines früheren österreichischen Bahndirektors gelangt. Der hieß übrigens tatsächlich Piefke.

Rüdiger vorm Walde

1946: Rüdiger vorm Walde wird in Ostwestfalen geboren und arbeitet nach Schulzeit und Lehre bis 1970 als Industriekaufmann in der Holz verarbeitenden Industrie seiner Heimat. 1973: In diesem Jahr schließt er sein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Bielefeld mit der Diplomprüfung ab und betätigt sich in den folgenden Jahren als Gutachter in den verschiedensten Zweigen des öffentlichen Transportwesens. 1983: Er startet seine Karriere in verschiedenen Vorstandspositionen bei Verkehrs- und Reiseunternehmen in Niedersachsen 1994: Vorm Walde wird im April Mitglied des Vorstands der Berliner Verkehrsbetriebe und zwei Monate später zu dessen Vorsitzendem bestimmt. 2001: Seit August 2001 ist Rüdiger vorm Walde Generaldirektor der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). An seinen österreichischen Kollegen schätzt er ihre Flexibilität, Zuverlässigkeit und Schnelligkeit. Das macht sie seiner Ansicht nach zu begehrten Geschäftspartnern.

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