Serie: Manager laufen Marathon
42 km Vertrauen

Thomas Goletz, Vorstandsmitglied der Lintec AG, erklärt beim Lauftreff mit dem Weekend Journal, was ihn zum Marathon motiviert.

"Jetzt links. Halbrechts, dann weiter geradeaus. Rechts, bitte." Mal heizt die Morgensonne von vorn ein, mal seit- oder rückwärtig. Ein paar Straßen und Sträßchen sind zu kreuzen, bis wir in den Auenwald am nordwestlichen Stadtrand von Leipzig eintauchen - zu einem gelassenen, fast genießerischen Morgenlauf. "So ein Tag wie heute: einfach schön. Man startet schon in den Tag mit einem kleinen Gewinn." Thomas Goletz, Vorstandsmitglied des sächsischen Computerbauers Lintec, weiß den Wert kleiner Freuden und Gewinne schon von Berufs wegen zu schätzen.

Das Unternehmen, 1990 gegründet, ist in einer Phase der Umstrukturierung, die von ihm als Chief Operating Officer mitverantwortet wird. Kein leichter Job: An manchen Tagen, gibt er zu, sei der Morgenlauf im Wald der einzige Lustgewinn. Die Zentrale des Unternehmens liegt in Taucha bei Leipzig, Tochterfirmen und Beteiligungen operieren von Niedersachsen, Nordrhein- Westfalen und Bayern aus. So kommt es, dass er viel unterwegs ist - und mal in Mönchengladbach für den München-Marathon trainiert, im Bayerischen Wald oder, wie heute Morgen, zwischen Taucha und Leipzig. Der Manager ist auch privat ein Pendler: Am Wochenende trainiert er in München, wo der frisch gebacke Vater mit Frau und Sohn wohnt.

"Und wieder links." Ziemlich gewunden ist der Leipziger Vorstadtparcours, den er zwei, drei Mal in der Woche frühmorgens läuft. Abwechslungsreich allemal und wie geschaffen, um für einen der Stadtmarathons zu trainieren, die im Herbst anstehen. Der 40-Jährige hat sich den Münchener Medien- Marathon vorgenommen, der am 12. Oktober vor dem Olympiagelände beginnt und im Olympiastadion endet. "Mein Ziel: Mal wieder unter vier Stunden laufen. Ich peile 3:40 bis 3:50 an." Bei aller Zielstrebigkeit: Ein Kampfjogger ist er nicht, Disziplin freilich ist ihm wichtig. Um seinem Herbstziel möglichst nahe zu kommen, folgt er einem selbst entwickelten Trainingsplan, der fast tägliche Läufe vorsieht - zwischen 45 Minuten und zweieinhalb Stunden.

Während dieser Morgenläufe wechselt er zwischen einem eher gemächlichen Tempo, scharf an der Grenze zum Trimmtrab, aber gut für die Ausdauer, und Tempoeinheiten, die ihn auf jene Geschwindigkeit einstimmen, die er für eine Zeit von drei Stunden und 40 Minuten nun mal brauchen wird. Damit folgt er dem Rat von Langlaufexperten, etwa dem ehemaligen 5 000-Meter-Europameister, Sportmediziner und Weekend-Journal-Laufcoach Thomas Wessinghage. Sie empfehlen in den zwölf Wochen vor dem Marathonlauf ein abwechslungsreiches Trainingsprogramm, das sich aus "lockeren Dauerläufen", aus "Fahrtspielen mit Tempowechseln", aus kleinen Wettkämpfen und aus Ruhetagen zusammensetzt.

"Tools", nennt der studierte Fertigungstechniker und praktizierende Organisationsfachmann solche Planvorgaben, die ihn zu einer läuferischen Disziplin anhalten, welche im Berufsleben fortwirkt. Disziplin. Ziele setzen. Zielen folgen. Ziele realisieren. Ganz lakonisch zählt der Lintec-Vorstand lauter praktische Motive auf, die ihn am Laufen halten. Aber sie alle werden überstrahlt vom einfachen Gefühl, gut drauf zu sein, wenn er seinen Morgenlauf absolviert hat.

"Vorsicht, Wurzeln." 7 Uhr. Wir rennen, mitten im Wald, an backsteinernen Industrieruinen vorbei, in denen einst Munition fabriziert wurde. Das bisschen Regen vom Vortag hat der trockene Boden aufgesogen, der immer noch hart ist und staubig. Die Laufschritte hallen wie Hufgeklapper wider von zügig trabenden Pferden.

Was zwingt ihn in aller Frühe dazu, auf die Trainingspiste zu gehen - bei welchem Wetter auch immer? Vermutlich ist es der fast rituelle Drang nach Bewegung und Körpererfahrung, den gelernte Sportler nie ablegen können. Als junger Mann war er Leistungssportler, der Schwimmwettkämpfe in der Bundesliga absolvierte. Damit war dann irgendwann Schluss - mit der Sehnsucht nach Ausdauer, Beweglichkeit und Fitness nie. "Ich habe das Bedürfnis, für mich was zu tun," bemerkt er. Der Manager wurde vom Schwimmer zum Läufer, weil "man dafür nur ein paar Laufschuhe braucht. Keine Vereinstermine. Keine Absprachen. Keine Vorkehrungen. Einfach nur pures Laufen."

Seine Motive sind eher konkret, auf Kondition und Fitness ausgerichtet - anders übrigens als bei vielen Marathonläufern im mittleren und fortgeschrittenen Alter, die verstärkt nach "Sinngebung suchen". Das belegt der Leipziger Professor für Sportpsychologie Oliver Stoll in einer Studie über Teilnahmemotive bei Marathonläufern. Und was reizt einen wie Thomas Goletz am Marathon? "Das Gefühl, längere Strecken laufen zu können, ist großartig. Anzukommen. Es zu schaffen. Grandios."

Wer Stadtmarathons läuft, wird zusätzlich von einer Riesenwoge von Sympathie getragen, die das begeisterte Publikum verströmt. Beifall, der den Verdruss vergessen macht und die letzten Kilometer verkürzt. Vier Marathon-Läufe hat er bisher absolviert. Sein erster war ein No-Name vor den Toren von München mit 380 Teilnehmern und ohne Publikum: "Wir haben uns gegenseitig angefeuert." Da lernt man die Stimmung der großen Rennen schätzen.

Die Trendsportart Laufen ist Kult; Stadtmarathons sind bisweilen ausgebucht, kaum dass sie ausgeschrieben sind. Goletz: "Das Laufen ist zu einer dieser Managementlehren geworden - wie Lean Production, Kaizen -, die von Medien zu Moden gemacht werden."

"Über die Straße. Vorsicht." Laufpäpste wie Ulrich Strunz haben immerhin dafür gesorgt, "dass Marathonläufern ein geradezu mystischer Ruf vorauseilt", meint er. "Als Chef und unter Kollegen hat man eine Art Vertrauensvorschuss, sobald sich herum gesprochen hat, dass man ein Marathonläufer ist."

Wenn der die 42,195 Kilometer schafft, dann kriegt er das auch hier gebacken? "So ähnlich!", lacht Goletz.

Der nächste Teil erscheint am 5. September.

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