Serie: Manager laufen Marathon
Jeder Jeck ist anders

Glücklich wird Metro-Chef Hans-Joachim Körber nicht bei Lektüre, sondern beim Marathonlaufen - am Rhein und in Berlin.

An Tagen wie diesen holt sich die Lauflust mehr, als sie braucht. Drüben, über dem rechten Rheinufer, hebt die morgenrote Sonne ab, scheint eine Weile direkt über dem Messeturm zu verharren. Für eine Viertelstunde, zwanzig Minuten badet der Düsseldorfer Norden in einem herrlich frischen Licht, das auf die frühen Läufer inspirierend und beschleunigend wirkt.

Einen Marathon lang würden wir das zügige Tempo nicht durchhalten. Aber für ein Trainingsstündchen, linksrheinisch und flussabwärts, darf?s schon mal etwas flotter sein. Einatmen - "Ich mache . . ." - ausatmen - " . . . im Prinzip . . ." - einatmen - ". . . jeden Morgen . . ." - ausatmen - ". . . Sport."

"Etwas langsamer . . . als . . . heute morgen", antwortet Hans-Joachim Körber auf die Frage nach seinem Trainingstempo. Konsequent, wenn auch nicht stur, versucht der Vorstandschef der Metro AG, einem Masterplan zu folgen, der ihn zu einer Zeit um die 4:15 beim Berlin-Marathon an diesem Wochenende verhelfen könnte. "Das könnte zu schaffen sein." Jedenfalls mit ein bisschen Glück und viel Zuversicht - sowie einem Trainingsprogramm, das Experten extra für ein Team der Metro ausgearbeitet haben, dem sich der Vorstandschef regelmäßig anschließt. "Wenn ich Zeit habe", sagt Körber (58), "dann laufe ich mit den jungen Spunden."

Sie wollen und sollen, nach Monaten der planvollen Vorbereitung, den Marathon gemäß selbst gesteckten Zielen absolvieren, die von 3:30 bis 4:30 Stunden reichen. Erfahrene Coaches haben die Gruppen regelmäßig trainiert. Morgenläufe. Gymnastik. Laktatwerte. Pulsmesser. Kardiologie. Ernährungsberatung. Psychologie. Lauftraining. Ausrüstung. Tempo. Ausdauer. Lauflust.

Was für ein Aufwand! "Wenn man?s macht", sagt der Vorstandsvorsitzende lakonisch, "dann muss man?s auch richtig machen." Die Metro-Marathonis und ihre kollektiven Vorbereitungen stehen für ein konzernweites, identitätsstiftendes "Teambuilding", das Körber am Herzen liegt. Besonders ist ihm daran gelegen, gegen attraktive Konkurrenz die besten Nachwuchsmanager für den Konzern zu finden und ihnen eine Atmosphäre zu vermitteln, die der harten Arbeit gleichzeitig Sinn und Spaß gibt.

Die Metro-Handelskette Real ist Hauptsponsor in Berlin, und so gesehen, kommt dem Läuferteam, der Vorstandsvorsitzende eingeschlossen, die Aufgabe zu, Flagge zu zeigen. Als "Rote Renner", wie die Protagonisten aus einem gleichnamigen Real-Spot, will das Düsseldorfer Team in Berlin starten. "Das Sponsoring," mosert Körber, während wir einen stillgelegten Altarm des Rheins überqueren, "ist ziemlich teuer geworden. Aber wir werden es wohl auch im nächsten Jahr noch mal machen."

Körber selbst bringt nach Berlin drei Vorteile und einen Nachteil mit. Erstens kennt er die Stadt seit seiner Studien- und Assistentenzeit - Betriebswirtschaft und Brauereitechnologie - aus dem Effeff. Er weiß also, was auf ihn zukommt. Zweitens hat er bereits einen Marathonlauf absolviert: New York 2001 in 4:35 Stunden. Und drittens ist er gelernter Leistungssportler: "Ich habe die Wasserballer des Berliner Vereins Spandau 04 mit groß gemacht, war einer der besten Spieler in der Bundesliga." So viel zu Körbers Vorteilen.

Und sein Nachteil? Der hat wohl mit dem zu tun, was von der Konditions- und Kraftsportart Wasserball übrig blieb: Körber ist ein 1,90-Meter-Mannsbild, das 100 Kilogramm auf die Waage bringt. "Gewichtsmäßig," räumt er ein, "bin ich kein Marathonmann." Dafür in puncto Kondition: In Höhe des Löricker Freibades legen wir ein bisschen an Tempo zu, während die Kurzatmigkeit zugleich in einen fast gleichmäßigen Gesprächsduktus übergeht.

Marathon. Körber kann sich für die nächsten Jahre eine gewisse Regelmäßigkeit vorstellen. "Mir gefällt die Disziplin, die ich mir dafür abverlangen muss. Der regelmäßige Morgenlauf, die längeren Wochenendstrecken." Wenn er im heimischen Düsseldorf ist, dann dreht er entweder im Grafenberger Wald seine Runden: "Das ist die Härte! Ein ehemaliger Truppenübungsplatz, immer rauf und runter." Meist trabt er am Rhein entlang, von der Oberkasseler Brücke bis zur Flughafenbrücke (und zurück), oder auch schon mal - als langer Törn am Wochenende - bis in den entlegenen Stadtteil Kaiserswerth (und zurück).

Das Credo des gebürtigen Braunschweigers hat etwas von jener rheinisch-liberalen Topweisheit, der das Missionarische absolut fremd ist: Jeder Jeck ist anders. In der Körberschen Version heißt das: "Es gibt tausend Wege zur Glückseligkeit. Die einen lesen Bücher, die anderen laufen Marathons." "Am Ende" - der ergebnisorientierte Konzernchef spricht häufig vom Ende wie vom gelungenen Abschluss eines mühsamen Prozesses - "am Ende müssen Sie sich wohl fühlen." Der einzige kategorische Imperativ, den Körber fast bekennerhaft beschwört, heißt: "Stretchen!" Besonders nach dem Laufen komme es darauf an, durch Beugen und Dehnen Muskelveränderungen vorzubeugen. "Sie glauben gar nicht, wie kurz Ihre Oberschenkelmuskulatur wird, wenn Sie nichts tun." Ergebnis: Kreuzschmerzen. Der mitlaufende Reporter, bekennender Stretchingmuffel, gelobt Besserung.

Hinter der nächsten Brücke weidet eine Schafherde unter den wachsamen Augen des Schäfers. Körber nickt ihm zu. Man kennt sich, grüßt sich herzlich, sogar ein bisschen vertraut - wie zwei Gleichgesinnte, die mit dem einen oder anderen unter den tausend Wegen vertraut sind, die zur Glückseligkeit führen.

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