Serie: Manager laufen Marathon
Langsam den Lauf genießen

Marathons mag er weniger. Lieber läuft Albrecht Hornbach gleich Superstrecken über 50 Kilometer.

Ein katzengroßes Tier, vielleicht ein Waschbär, huscht über die Piste und kreuzt unseren Laufweg. Morgens um sechs ist der Pfälzer Wald noch ein bisschen düsterer und vielleicht sogar ein wenig unheimlich. Eine Bache mit ihren Frischlingen sei ihm letzthin begegnet, erinnert sich Albrecht Hornbach. Wildsauen sind unberechenbar, wenn sie mit ihren Babys unterwegs sind. "Ich bin dann", sagt Hornbach in lakonischer Selbstironie, "sofort in den Rückwärtsgang gegangen." Er habe so schnell wie möglich das Weite gesucht.

Das wird Hornbach (48) nicht weiter schwer gefallen sein, denn er verfügt über eine beneidenswerte Kondition. Die ersten zwei, drei Kilometer geht es ein wenig bergauf; Hornbach spricht über seine Laufleidenschaft im flüssigen Tonfall, leicht pfälzisch eingefärbt, während der Reporter recht atemlos Fragen aus der Lunge keucht. Die buckelige Waldpiste kommt Hornbach doppelt gelegen: Zum einen verschafft sie ihm allmorgendlich ein einzigartiges Naturerlebnis in einem der schönsten europäischen Waldgebiete. Zum anderen ist der hügelige Parcours eine treffliche Einstimmung für einen seiner nächsten Marathonläufe, der über die Schwäbische Alb gehen soll, "Übrigens, ein Marathon mit Überlänge: 50 Kilometer."

Hornbach schätzt die kleinen, allenfalls regional attraktiven Läufe mehr als die spektakulären Stadtmarathons, "die sind nicht so mein Ding". Wenn schon, dann könnte Hornbach sich für Stadtmarathons erwärmen, die schnell zu erreichen sind. Karlsruhe hatte er in Erwägung gezogen - ausgebucht. Wie wär?s mit dem Frankfurt-Marathon, einen der letzten Stadtläufe der Saison (siehe Kasten)? "Mal sehen, vielleicht im nächsten Jahr."

Stärker faszinieren ihn Megaläufe, die von "Punkt zu Punkt" durch Mittelgebirgslandschaften führen, etwa der Rennsteiglauf im Thüringer Wald. Wenn er auf diese 75 Kilometer von Eisenach bis Schmiedeberg zu sprechen kommt, verfällt der sonst eher gelassene Pfälzer schon mal in beinahe unziemliches Schwärmen. "Das ist so was von toll!" Wohl auch deswegen, weil der Weg über den Thüringer Wald eben ein Renn-Steig ist, die ersten 20, 30 Kilometer ein einziges Bergauf-Laufen sind, das er "vernünftigerweise", wie Hornbach sagt, streckenweise auch in Gehgeschwindigkeit absolvierte, bis er nach neun Stunden das Ziel erreichte.

Phuhh. Pfuhh. Pfuhhh. Die eher läppische Steigung heute, hinauf zum Parkplatz unter dem Trifels bei Annweiler, sie will und will für den mitlaufenden Reporter kein Ende nehmen. Endlich die erlösende Botschaft: "Hinter der Kurve wird?s flacher." Wir fallen in einen etwas schärferen Trab. Acht Marathons, inklusive einiger Supermarathons, hat Hornbach seit 1998 absolviert - ein Besessener, der mit sich selbst um Minuten und Sekunden ringt, ist er freilich dabei nicht geworden. Ankommen, den Zieleinlauf stolz genießen, das hat Vorrang. Ehrgeiz nicht ausgeschlossen: "Ein normaler Marathon steht noch aus", sagt er, "mit einer guten Zeit um die 3:30."

Fast spielerisch versucht er, sich diesem Ziel zu nähern. Nimmt alle sechs Wochen mit Sonntagsläufern aus dem Annweiler Sportverein an Volksläufen über die 10-Kilometer- Distanz teil, wo es durchaus um Punkte und Leistung geht.

Wem die frühmorgendliche Laufstunde zur routinemäßigen Haltung geworden ist, der nimmt die quälerische Widerborstigkeit ebenso stoisch hin wie eventuelle Glücksgefühle. Ein Lauf ist "ein optimaler Einstieg in den Arbeitstag, wenn man voller Sauerstoff ist und sich den Tag ein bisschen überlegt hat. Wenn ich Ideen brauche - unterwegs kommen die Einfälle relativ flott."

Vor schwierigen Entscheidungen streift Hornbach, dessen Holding mit über 100 Bau- und Gartenmärkten rund 1,7 Milliarden Euro umsetzt und mehr als 10 000 Mitarbeiter beschäftigt, manchmal die Laufschuhe außerplanmäßig über und sinnt laufend über Lösungsmöglichkeiten nach. In den vergangenen Wochen war das gewiss der Fall, in den Tagen vor der Hauptversammlung der Hornbach Holding AG, bei der der Vorstandsvorsitzende im Branchentrend bekennen musste: "Wichtige operative Ziele - daran gibt es nichts zu rütteln - sind nicht erreicht worden." Von Enttäuschungen war die Rede und von Erklärungsbedürftigkeit. Für die Gelassenheit angesichts solcher Wahrheiten sorgt der ein oder andere Lauf durch den Pfälzerwald. Immerhin: "Entgegen der allgemeinen Branchenschrumpfung haben wir in den letzten drei Jahren zugelegt, haben unseren Marktanteil gesteigert."

Eigentlich ist der Morgenlauf für ihn ein zweck- und sinnfreies, wohltuendes Körpererlebnis: "Ich spreche nicht so gerne von Training." All die Marathons, Superläufe und Volksläufe sind für Hornbach nicht viel mehr als willkommene Beigaben, als Nebenprodukte eines Rituals, dem die Hauptaufmerksamkeit gilt: der tägliche Lauf um sechs.

Zu diesem Ritual fand er gemeinsam mit seiner Ehefrau vor sieben Jahren. "Ich hatte mir vorgenommen: Wenn die 40 überschritten ist, achte ich intensiver auf meine Gesundheit." Überdies schleppte er ein Gewicht - damals 95, heute um die 75 Kilo - mit sich herum, mit dem er haderte. Man besuchte das eine oder andere Lauf- und Motivationsseminar, absolvierte die ersten Läufchen und war bald angesteckt vom Virus namens Lauflust. Eine Erkenntnis, sagt Albrecht Hornbach, hätten die Seminare gebracht - "Langsam laufen!"

Ihm ist die Lust nicht vergangen, im Gegenteil. Faszinierend sei es, das Gefühl zu genießen, immer leistungsfähiger zu werden. Die zunehmende Fitness und das Erlebnis, die eigenen Grenzen immer mal wieder ausloten zu können. "Meine Grenzen", sagt der Marathonmann Albrecht Hornbach etwas überraschend, "erfahre ich bei 10 000-Meter-Läufen. Die totale Verausgabung zwischen Ausdauer und Tempo."

Wir machen die Biege, erreichen die Fachwerke von Annweiler am Trifels. Albrecht Hornbach wohnt im Nachbardorf. Die zwei, drei Kilometer bis dahin legt er laufend zurück. Ehren- und Lustsache.

Quelle. Handelsblatt

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