Serie: Uni-Städte
Erfurt: Mit Studium fundamentale zum Erfolg

An der Universität Erfurt sollen Studenten mehr als nur das eigene Fach beherrschen. Außerdem locken kurze Studienzeiten und der Abschluss Bachelor Studenten an.

"Meine Mutter, der ich alles verdanke, was ich bin und habe", rühmte Martin Luther einst die Erfurter Universität, an der er im frühen 16. Jahrhundert studierte. Die Hochschule gehörte damals zu den renommiertesten in Europa. 300 Jahre später jedoch war von dem Ruhm nicht mehr viel übrig, sie geriet ins akademische Abseits. Bis sie anno 1816 zwar noch 30 Professoren, aber gerade mal 13 Studenten hatte und dichtgemacht wurde.

Ganz so euphorisch wie damals Martin Luther ist Sebastian Sperling zwar nicht, wenn er über die neue Erfurter Uni spricht. Aber ins Schwärmen gerät der 21-jährige Student schon: "Hier ist bereits Programm, was bei anderen gerade diskutiert und oft nur unzureichend umgesetzt wird. Stichwort Bachelor zum Beispiel: An anderen Unis ist das meist nichts anderes als ein verkürzter Magisterstudiengang. Bei uns dagegen steht dahinter ein neuartiges Studienkonzept."

Streiten, um voranzukommen

Kernstück ist dabei das Studium fundamentale, das den Studenten ermöglichen soll, die Methoden anderer Fachbereiche kennen zu lernen. Sie müssen ein Fünftel ihrer Studienleistungen aus diesen fakultätsübergreifenden Veranstaltungen erbringen. Die Ergebnisse fließen auch in die Examensnote ein.

In der Praxis sieht das Ganze so aus: Zwei bis drei Dozenten aus unterschiedlichen Fachrichtungen bieten eine gemeinsame Veranstaltung an. Sebastian Sperling etwa besucht ein Seminar zum Thema "Geldtheorie", die ein Makroökonom und ein Sozialwissenschaftler halten. "Die beiden haben völlig verschiedene Ansätze und kommen selten auf einen Nenner, aber gerade darin liegt der Reiz: Als Student erfährt man hautnah, wo der methodische Unterschied liegt."

Außer dem Studium fundamentale beinhaltet das Erfurter Konzept weitere Neuheiten, die kürzere Studienzeiten und eine bessere internationale Vergleichbarkeit zum Ziel haben: Erfurt bietet fast ausschließlich die international üblichen Abschlüsse Bachelor und Master an - das Lehramtsstudium an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät ausgenommen - und setzt dabei auf das so genannte Creditpoint-System.

Studenten müssen pro Semester eine bestimmte Anzahl von Leistungspunkten erreichen. Sonst droht die Exmatrikulation. Ebenfalls neu ist: Jeder Student hat einen Professor als Mentor, der bei Fragen zu Studium und Berufsplanung weiterhilft. Und der ihm regelmäßig Feedback zu seinen Studienleistungen gibt.

Trotz Begeisterung für das Reformmodell erinnert sich Sebastian Sperling auch an die Probleme, die es anfangs bei der Umsetzung gab - auch für Studenten: "In den ersten Semestern wurde die Studienordnung immer mal wieder geändert. Und natürlich waren wir alle enttäuscht, als sich Peter Glotz, der 1997 als Gründungsrektor nach Erfurt gekommen war, so plötzlich verabschiedete und an die Universität St. Gallen ging."

Glotz am Bein

Der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer und Bildungsexperte hat das neue Lehrkonzept mitgeprägt - so sehr, dass schon von der "Glotz-Uni" die Rede war. Wenige Wochen nach Aufnahme des Lehrbetriebs entschied er sich jedoch, anderthalb Jahre früher als abgemacht zu gehen. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Bergsdorf soll nun als neuer Präsident das Reformprojekt zum Erfolg führen.

Die Studenten haben sich mit dem Wechsel an der Uni-Spitze abgefunden. "Glotz war wichtig für den Aufbau der Uni und natürlich für die PR. Aber mein Blockseminar bei ihm in Kommunikationswissenschaften war eher lasch. Er hatte kaum Zeit und war schlecht vorbereitet", erinnert sich Dana Kittel, eine der wenigen, die Peter Glotz in Erfurt als Dozenten erlebten. Das Projekt, an dem sie gerade arbeitet, nimmt sie da mehr in Anspruch: Zusammen mit drei Kommilitonen organisiert die 22-Jährige einen "Usability"-Test für die Online-Ausgabe der Thüringer Allgemeinen: Sie prüft deren Internet-Seiten auf Nutzerführung und vergleicht sie mit anderen Online-Zeitungen. Zum Semesterende müssen die vier die Ergebnisse sowohl ihrem Professor als auch der Redaktion der Thüringer Allgemeinen präsentieren.

Hart aber herzlich

Auf die 40 Studienplätze, die es im Hauptfach Kommunikationswissenschaft jährlich gibt, kamen im letzten Jahr 500 Bewerbungen. Über die Vergabe - auch das gehört zu den Neuerungen - entscheidet ein dreistufiges Auswahlverfahren: Nach der schriftlichen Bewerbung müssen die Aspiranten von zu Hause aus ein Thema bearbeiten und einreichen. Zu guter Letzt werden 80 Bewerber zu einem persönlichen Gespräch in der Uni eingeladen. Einfach nur einzuschreiben braucht sich dagegen, wer sich für eine andere Erfurter Spezialität entschieden hat: die Staatswissenschaften. Das Fach ist eine Kombination aus Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und wird in Deutschland nur in Erfurt angeboten.

Hört sich das nicht ein bisschen an wie eine Art Schmalspurstudium für diejenigen, denen BWL zu schwer war? "Ganz im Gegenteil", kontert Jürgen Backhaus, Dekan der Staatswissenschaftlichen Fakultät. "Bei uns fangen pro Jahr etwa 180 Studenten an. Die Hälfte davon wird bereits im ersten Jahr rausgeprüft." Die anderen hätten 15 Klausuren bestehen müssen und wüssten demnach, was sie das restliche Studium hindurch erwarte.

"Sicherlich wäre es einfacher, die Leute vorher per Numerus clausus auszuwählen," findet Backhaus. "Aber der Abi-Schnitt ist unserer Meinung nach kein Merkmal für die Talente, die wir brauchen." Talente, die ausgebildet werden, um später an Schnittstellen zwischen Politik, Wirtschaft und Verwaltung zu arbeiten. Zum Beispiel in Finanz- oder Wirtschaftsministerien, bei der IHK oder in der kommunalen Verwaltung.

Ob der Plan aufgeht, wird sich ab 2003 zeigen, wenn die ersten Absolventen auf dem Arbeitsmarkt sind. Einer derjenigen, die extra wegen des neuen Fachs in die thüringische Landeshauptstadt gekommen sind, ist Volker Brockmann, 22: "Eigentlich hatte ich vor, in Göttingen Politik und Geschichte zu studieren. Dann war ich auf Besuch in Erfurt und erfuhr von den Staatswissenschaften. Genau die Mischung, die mich interessiert." Außerdem sei ihm aufgefallen, dass Studenten und Dozenten hier entspannter miteinander umgingen als an anderen Unis.

Nach dem Rummel während der Gründungszeit ist in Erfurt mittlerweile Uni-Alltag eingekehrt. Studenten und Dozenten genießen es, sich endlich auf akademische Inhalte zu konzentrieren. Keiner mag mehr diskutieren, ob aus Erfurt ein "Oxford an der Gera" wird: "Man kann nicht von heute auf morgen eine Traditions-Uni etablieren", so Sylvia Korupp, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni. "Wichtig ist: Bei uns geht die Entwicklung in die richtige Richtung. Alle ziehen an einem Strang, damit aus dem Studienkonzept auf dem Papier eine echte Reform-Uni wird."

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