Archiv
Shalom Europa - In Würzburg entsteht neues jüdisches GemeindezentrumDPA-Datum: 2004-07-11 13:20:48

Würzburg (dpa) - Grabsteine zählen zu den wichtigsten Quellen - 70 Tonnen kulturhistorisches Material. Die mehr als 1500 Grabsteine und Fragmente, die 1987 beim Abriss eines Gebäudes im Würzburger Stadtteil Pleich geborgen wurden, gelten als die weltweit größte Hinterlassenschaft eines mittelalterlichen Judenfriedhofes.

Würzburg (dpa) - Grabsteine zählen zu den wichtigsten Quellen - 70 Tonnen kulturhistorisches Material. Die mehr als 1500 Grabsteine und Fragmente, die 1987 beim Abriss eines Gebäudes im Würzburger Stadtteil Pleich geborgen wurden, gelten als die weltweit größte Hinterlassenschaft eines mittelalterlichen Judenfriedhofes.

Erst mit ihnen sei es möglich geworden, die Bedeutung der Würzburger Juden in Deutschland und darüber hinaus zu ermessen, sagt der Würzburger Theologieprofessor Karlheinz Müller. Heute bilden die steinernen Zeugnisse gleichsam den Grundstock für die museale Ausstattung des neuen jüdischen Kultur- und Gemeindezentrums «Shalom Europa» in Würzburg. Bis Anfang 2006 soll es fertig gestellt sein.

Ein Teil der Grabsteine, die aus dem Zeitraum zwischen 1129 und 1346 stammen, soll künftig im Gemeindezentrum ausgestellt werden. Die restlichen werden für wissenschaftliche Zwecke archiviert, sollen aber auch durch eine Glasfront zu sehen sein. Die Grabsteine seien mit ihren hebräischen Inschriften eine außerordentlich bedeutsame Quelle, sagt Müller, der die wissenschaftliche Auswertung begleitet.

«Auf den Grabsteinen spiegelt sich die Vielfalt des jüdischen Alltags», erklärt der Theologieprofessor. Sie bezeugten eine Blütezeit jüdischen Lebens und jüdischer Gelehrsamkeit. «Würzburg ist während des 13. Jahrhunderts eine Hochburg des "Talmud Tora", also der Lehre, des Studiums und der Entwicklung des jüdischen Traditionswissens gewesen». Die Gemeinde sei hochgradig organisiert gewesen, eine Reihe renommierter Rabbiner habe sich hier aufgehalten.

Heute zählt die jüdische Gemeinde in Würzburg nach dem regen Zuzug aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion rund 1100 Mitglieder. Das neue Gemeindezentrum soll auch eine offene Begegnungsstätte werden. Schon jetzt will eine Ausstellung mit dem Titel «Die Juden im mittelalterlichen Würzburg» in einem fertig gestellten Gebäudeteil eine Art Türöffner für Besucher sein. Auf Schautafeln spürt die Dokumentation dem materiellen und geistigen Aufstieg der Juden bis hin zu einer der führenden Metropolen des europäischen Judentums nach, zeigt aber auch den Absturz.

«Die Öffnung nach außen ist sehr wichtig, um Menschen die Scheu vor dem Betreten des Hauses zu nehmen», betont Josef Schuster, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Würzburg und Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinde Bayerns. Zu oft würden Juden noch als etwas Fremdes und Außenstehendes gesehen. Dabei könnten sie beispielsweise in Würzburg auf eine mehr als 850-jährige Geschichte zurückblicken. Die Gemeinde gilt heute als eine der wenigen mit einer intakten traditionell-jüdischen Infrastruktur.

Das zwölf Millionen Euro teure Zentrum «Shalom Europa» wird unter anderem von Zuschüssen des Freistaats, des Bezirks Unterfranken, der Bayerischen Landesstiftung und von Spenden getragen. Es soll nach seiner Fertigstellung auch Jugendliche aus dem gesamten Bundesgebiet zusammenführen. Mit finanzieller Unterstützung der Ronald S. Lauder Foundation (New York) entstehen Übernachtungs- und Schulungsräume für Jugendgruppen. Außerdem wird im Rahmen eines bislang deutschlandweit einmaligen Genealogie-Projektes ein Informationsdienst eingerichtet, der Juden in aller Welt bei der Ahnenforschung behilflich sein soll.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%