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Sich einfach zulassen in der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt

Wenn es knackt und kriselt, muss ein Coach her um eine Gruppe von Angestellten wieder zum Team zu stählen. Auch in der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt. Es ist selten, dass Polia mal um einen Gesprächstermin beim Chef bittet.

Wenn es knackt und kriselt, muss ein Coach her um eine Gruppe von Angestellten wieder zum Team zu stählen. Auch in der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt.

Es ist selten, dass Polia mal um einen Gesprächstermin beim Chef bittet. Und deshalb bekommt sie ihn auch sofort, schließlich ist sie das organisatorische Rückgrat der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt.

OK, die zierliche Bulgarin weilt gelegentlich in anderen, esoterischeren Welten als der Rest des Teams. Doch dafür hat sie für Senior Consultant Sabine und Junior Consultant Tanja-Anja immer so tolle Tee-Tipps. Und sie kann sogar aus dem Teesatz lesen. "Eine sehr sensible, die Polia", denkt der Chef schon mal, wenn sie nach einem seiner Wutausbrüche mit Tränen auf den Wangen Richtung Damentoilette verschwindet.

Nun also sitzt Polia vor ihm und redet sich die Seele frei. Über die problematische Stimmung in der Mannschaft. Erst diese Panik wegen der Schadenersatzklage, dann die Euphorie wegen des Robbiiiiiiiiie-Auftrags und die Enttäuschung, dass der Abend so schlecht verlief - und schließlich doch noch der Hoffnungsschimmer.
"Nerven sind zerruttet, Chef. Mussen wir was maaachen", sagt sie mit ihrem osteuropäischen Akzent, der den Chef immer an die Klitschko-Brüder in der Milchschnitte-Werbung erinnert.

Der Chef lehnt sich in seinem schwarzen Ledersessel zurück und verschränkt die Hände vor dem Mund, eine Geste, die nachdenklich wirken soll. Hat lange gedauert, die vor dem Spiegel zu trainieren. Er lässt Polia mal machen, das weiß er jetzt schon. Die Finanzen stimmen, da kann man ruhig mal wieder am Teambuilding builden. "An was hast Du gedacht?"

"Es gibt Kooootsch", sagt Polia. "Wochenendseminar konnte uns wieder ruhich machen. Hab ich Kooootsch vorher auch noch nie gekannt, schraibt aber schooone Kommentar in viele Weblogs."

Sie reicht dem Chef einen Ausdruck, der liest Stirn runzelnd:

"Ferien machen meint Marketing machen
nach Montaigne...
Es mal machen wie Montaigne. Sich fuer einige Jahrzehnte aus den Alltagsgeschaeften verabschieden.
Einen wohltemperierten Turm in der Provinz beziehen.
Sich inneren Horizonten zuwenden und darueber schreiben.
So neue Weiten ausloten und fremde Kontinente bereisen.Und entdecken, dass auch in diesen Welten die Zyklopen hausen,schrecklich. Und auch hier die Sirenen singen, schwer betoerend.
Gluecklich nur, die da bei Sinnen bleiben.
Es dann machen wie Montaigne. Die innere Einkehr
ordentlich nach Aussen kehren. Zwischen Buchdeckeln
kompakt oder gleich im Blog-Kontakt. Was gewusst ist, laut gesagt sein lassen. Ungefragt"

"Was für ein esoterischer Sch...dreck", denkt der Chef. Aber Polia ist beliebt, was soll schief gehen? "Also gut, check mal, was es kostet."

Zwei Wochen später ist sie da, die Coachin. "Sagen Sie mal", fragt der Chef, "wieso diskutieren Sie eigentlich in diesen Weblogs rum? Nichts besseres zu tun?"

"Doch, doch. Aber das kommunikative Miteinander ist doch die Seele unseres Seins", antwortet die Trainerin.

"Und was wollen Sie meinen Leuten so beibringen? Zum Beispiel in Sachen Verhandlungsführung?

"Zwischen den Zeilen lesen, wenn gesprochen wird. Hören, was ungesagt bleibt. Und doch deutlich im Raum steht. Wissen, dass es dies ist, was zu berücksichtigen wichtig sein wird. Womöglich entscheidend.
Die Gabe, Fülle auszuloten, die in der Stille liegt. Ihre Farben sehen. Ihre Düfte riechen. Ihren Witz bemerken. Ihr Versprechen. Ihre Streit-Lust. Diesen Ton aufgreifen. Ihm ein Gesicht geben / gekonnt und begrifflich lauter.
Wie ein Spürhund jeder Stimmung folgen, jedem Wechsel. Jedem Ausweichen zuvor kommen, jedem Rückzug. Ganz empfänglich sein: Noch aus dem Augenwinkel offen für den leisesten Wink eines „Komm!“. Auch ohne Karte auf jeden Fall vorbereitet. Instinktiv sicher.
Wissen, dass dies jede/r kann. Sich zu trauen,
bleibt Entscheidung. Es zu tun
Verantwortung."

"Äh, ja, gut. Also. Sie kriegen meine Leute. Ein Wochenende. Wird sonst zu teuer"

Entsetzt blickt Senior Consultant Alexandra sich zwei Wochen später in dem Gehöft um, das in Hofbieber-Fohlenweide liegt, irgendwo tief in der Rhön. "Hier... sollen wir... ÜBERNACHTEN?"
"Jetzt hab Dich mal nicht so", giftet Sabine zurück. "Sonst ist Dir doch auch egal, worauf Du liegst." Leise setzt sie hinterher: "Und wer auf Dir."

Doch nicht nur übernachtet wird in dem leicht muffig riechenden Anwesen. Nein, es wird auch gearbeitet. Gleich zur Begrüßung wird Hibiskusblütentee mit Jutekeksen gereicht. "Ihr müsst Euch zulassen, wisst ihr. Loslassen. Ich spüre hier echt böse Vibrations", bekommt das Team gleich schon zu Beginn von der Coachin zu hören.

Die erste ernsthafte Krise aber tritt schon nach den Atemübungen ein, als Praktikantin Julia bei der ersten Jogastunde aufschreit: "AAAAAAAAAAAHHHHHHH!!!!!"
"Das wird schon wieder", beruhigt die Coachin. "Du darfst nicht so zumachen. Dann wirst Du fest. Ganz locker."
"MEIN OBERSCHENKEL, AAAAAAAHHHHHH!!!!!"
"Jetzt sei mal nicht so negativ. Deine Vibrations beeinflussen nur die anderen."

Eine Stunde später stellt der von Tanja-Anja herbei telefonierte Notarzt einen Muskelabriss im Leistenbereich fest. Für Julia ist das Wochenende beendet. Wie ein langsam verendendes Echo klingen ihre Schmerzenschreie, als die Sanitäter sie aus dem Haus tragen, die Mitglieder der kleinen PR-Agentur bilden ein Abschiesspalier, während die Coachin schon mal das kreative Töpfern mit Fimo vorbereitet.
"Beim Joga so unbeweglich wie im Bett, was Lars", raunt Alexandra dem Senior Consultant zu, als der Rettungswagen hinter dem Hügel verschwindet.

Vor allem Lars aber ist es, der die Coachin nicht zufrieden stellt. Düstere Schwingungen und so. Zum Beispiel am Abend, als er versucht, Erkundigungen über das Befinden seiner einst geliebten Julia einzuholen. Denn auf dem Gehöft existiert kein Telefon. Und Handy-Empfang ist auch nach einer einstündigen Wanderung durch die langsam im Abendnebel verschwindenden Rhön-Kuppen nicht drin.

Auch am nächsten Morgen zickt Lars. Dass zur Teambildung mit den Körpern ein Herz gelegt wird - gut, dass geht noch. "Ich bin doch nicht bescheuert", aber ruft Lars, als die nächste Übung das gemeinsame Simulieren von Presswehen vorsieht. "Davon steht aber nichts in ihren Weblog-Einträgen", brummt der Senior-Berater.
"Lass Dich zu, Lars", sagt die Coachin. "Es wird Dich befreien."

Lars befreit sich lieber von dem Seminar - und reist ab. Alexandra auch. Schließlich ist Wochenende. Und Lars könnte auf dumme Ideen kommen und Julia besuchen.

Bleiben noch Sabine, Tanja-Anja und Polia. Am Montag kommen sie zurück. Verwandelt. Voll gepumpt mit positiven Schwingungen. Vom japanischen Trommeltanzen. Der Strick-Mediation. Und dem irischen Ausdruckstanz.
Gleich um 10 ist Meeting mit einem neuen Kunden: dem Dualen System. Eine Werbekampagne soll her, so was macht die kleine PR-Agentur zwar selten, aber das DSD will frische Ideen.

"Ich find das Thema echt voll wichtig", sagt Sabine und dem Chef scheint, dass ihre Aussprache merkwürdig unklar daher kommt. Auch der violette Schal ("Selbst gebatikt", betont sie) passt nicht recht zu ihr. War nicht auch ihre Frisur früher gepflegter?
"Da müssen wir echt mal was anderes machen. Wo voll was positives rüberkommt. Ey, wir müssen einfach mal auch den Müll sprechen, was der so meint", ergänzt Tanja-Anja. Sie kramt einen Recycling-Notizblock aus der Jute-Tasche, die sie noch am Morgen im Eine-Welt-Laden erstanden hat, die Gucci-Tasche würde von heute an daheim bleiben.

Spät am Abend geht der Chef und blickt ein wenig entsetzt in den gläsernen Konferenzraum, aus dessen Tür eine penetrante Geruchsmischung aus Räucherstäbchen, Ingwerkeksen und Kräutertee entweicht. Noch merkwürdiger erscheint ihm der Müllsack, auf den Tanja-Anja einredet, während Sabine mit vor- und zurückwippendem Oberkörper "Hare Rama" singt.

Immerhin gibt es ein Ergebnis:

"Du, macht mich echt betroffen", ist Sabine zufrieden.


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