Sicherer Hafen Rentenmarkt
Anleihen im Höhenrausch nach Aktientalfahrt

Die regelrechte Flucht aus den Aktienmärkten hat an den europäischen Rentenmärkten am Mittwoch eine Kursrally ausgelöst. Der richtungweisende Bund-Future sprang zwischenzeitlich auf ein Jahreshoch, die Kurse der Staatsanleihen stiegen so stark, dass die Renditen den größten Rückgang dieses Jahres verzeichneten.

Reuters FRANKFURT. An den Märkten kamen Spekulationen über Zinssenkungen der US-Notenbank auf. Die Kurse seien zeitweise fast senkrecht gestiegen, als nach der Talfahrt der europäischen Aktienmärkte auch eine schwache Eröffnung der Wall Street erwartet worden sei. "Das war schon Kaufpanik am Rentenmarkt", sagte Commerzbank-Rentenanalyst Peter Müller. Als der Dow-Jones-Index ins Plus drehte und sich die Börsen in Europa wieder etwas beruhigten, gaben die Renten wegen Gewinnmitnahmen wieder nach.

Sorgen vor Gewinneinbrüchen von Unternehmen und Banken hatten den Dax am vierten Tag in Folge einbrechen lassen, und zwar auf den tiefsten Stand seit rund fünf Jahren. "Die Bindung an die Aktienmärkte bleibt sehr stark und wir reagieren nur auf das, was an den Börsen passiert", kommentierte ein Händler das Geschehen am Rentenmarkt. Der Bund-Future legte in der Spitze 1,41 Punkte zu und erreichte mit 109,90 Punkten den höchsten Stand dieses Jahres. Gegen 18.30 Uhr MESZ notierte der Terminkontrakt noch 75 Ticks im Plus. Die zehnjährige Bundesanleihe stieg bis auf 102,64 Prozent, die Rendite sank auf bis zu 4,66 Prozent, den tiefsten Stand seit Dezember.

Der Spread zwischen Bundesanleihen und zehnjährigen US-Staatsanleihen weitete sich zeitweise um zehn auf 38 Basispunkte aus und damit auf den größten Abstand seit mehr als sechs Jahren. Angesichts der drastischen Einbrüche der Aktienmärkte kamen an den Märkten Spekulationen auf, die US-Notenbank könnte mit einer Zinssenkung eingreifen, statt wie bisher erwartet die Leitzinsen von ihrem derzeitigen 40-Jahres-Tief im kommenden Jahr anzuheben.

"Je düsterer die Aussichten für die Aktien werden, um so mehr schwinden die Erwartungen höherer Leitzinsen, und einige denken schon an Zinssenkungen", sagte David Brown von Bear Stearns. Commerzbank-Analyst Müller hält das aber für unwahrscheinlich. Eine Zinssenkung der US-Notenbank sei zwar nicht auszuschließen, wenn das Bankensystem Liquiditätsprobleme bekomme. "Aber die Notenbank kann den Aktienmarkt nicht stützen." Mit einer Zinssenkung würde sie außerdem den Eindruck erwecken, dass die Konjunktur ernsthaft gefährdet ist, was zu noch größerer Panik an den Aktienmärkten führen könnte.

Die Europäische Zentralbank (EZB) würde ganz sicher nicht mit einer Zinssenkkung reagieren, so lange die Börsenschwäche nicht die Konjunktur und den Preisanstieg stark dämpft. Wegen der Euro-Aufwertung in den vergangenen Wochen und der schwachen Aktienmärkte haben viele Volkswirte den Termin für eine Zinserhöhung in der Euro-Zone von September auf später ins Jahr verschoben. Nur noch fünf von 51 befragten Volkswirten erwarten einen solchen Schritt der jüngsten Reuters-Umfrage zufolge im September, während vor vier Wochen noch eine knappe Mehrheit an diesen Termin geglaubt hatten. Ein knappes Drittel rechnet wie immer mehr Rentenhändler mit gar keinem Zinsschritt mehr in diesem Jahr.

Auf kürzere Sicht hält Müller einen Anstieg des Bund-Future über 110 Punkte für möglich, längerfristig sei Anlegern zu aber raten, aus Renten herauszugehen. "Ich glaube an keine neue Rezession." Am Donnerstag sei ein weiterer Kursanstieg nur möglich, wenn die US-Aktienmärkte wieder in einen Abwärtssog geraten sollten und die US-Staatsanleihen stark stiegen. Gegen Abend drehten allerdings auch die europäischen Aktienmärkte nach dem Dow-Jones ins Plus.

Völlig unter gingen am Mittwoch die deutschen Verbraucherpreise für Juli, die nach vorläufigen Daten fast wie erwartet auf 1,0 Prozent von 0,8 Prozent im Juni stiegen. Die Daten bestätigten nur das günstige Preisumfeld, das der EZB Zeit verschaffe, mit einer Zinserhöhung zu warten, sagte ein Händler.

Der Bobl-Future lag gegen 18.30 Uhr MESZ noch mit 51 Ticks im Plus bei 107,46 Punkten, der Schatz-Future war 20 Ticks teurer mit 104,01 Punkten. Die börsennotierten öffentlichen Anleihen stiegen fast ohne Ausnahme. Nur fünf Papiere gaben um bis zu 0,015 Prozentpunkte nach, während 73 Titel bis zu 0,85 Prozentpunkte gewannen. Die Umlaufrendite öffentlicher Anleihen sank auf 4,56 (4,64) Prozent. Die Bundesbank verkaufte zum Marktausgleich Anleihen im Wert von 106,4 Millionen Euro. Der Rex-Rentenindex erreichte ein Jahreshoch und schloss 0,31 Prozent höher mit 113,82 Zählern.

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