Sicherheitsdefizit bleibt
Musikvertrieb im Netz bleibt ein riskantes Geschäft

Der kostenpflichtige Musikvertrieb über das Internet soll mit neuen Bündnissen der großen Musiklabel an Schwung gewinnen. Experten zufolge ist es um die Sicherheit der Daten aber weiterhin schlecht bestellt. Digitale Wasserzeichen bieten keinen Schutz vor illegalen Kopien, Verschlüsselungssysteme lassen sich mit einfacher Software überlisten. Nun setzt die Branche auf die Kombination aus Suchprogrammen und Wasserzeichen.

Nach den Worten von Christian Neubauer, Audio und Multimedia-Experte beim Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen, konkurrieren bei digitalen Produkten derzeit zwei unterschiedliche Ansätze zum Schutz der Urheberrechte: Verschlüsselung und Wasserzeichen. Schutz vor illegalen Kopien bietet seiner Auffassung nach kein Verfahren.

Der Vorteil bei der Verschlüsselung liegt nach seinen Worten darin, dass die Inhalte in codierter Form übermittelt werden; ein zusätzlich gelieferter Schlüssel entpackt dann die Daten. Voraussetzung für den Abgleich von digitalem Schlüssel und den Datenpaketen ist eine je nach System unterschiedlich angelegte Verwaltungssoftware, die bis zu 10 MB Umfang erreichen kann. Der umfangreichen Rechtemanangement-Software stehen zugleich vergleichsweise einfache Programme gegenüber, mit denen sich die Verschlüsselung aufheben lässt. "Das Programm gibt vor, eine Soundkarte zu sein, und greift auf die Daten zu, sobald sie unverschlüsselt an den Lautsprecher übermittelt werden", erläutert Neuberger. Besonders populär ist im Internet die Software Total Recorder.

"Urheberrechtssysteme können keine militärische Sicherheit bieten", räumt Niels Rump von Intertrust ein. Das Nasdaq-notierte Unternehmen hat sich auf Verschlüsselung spezialisiert und unterhält Partnerschaften mit Bertelsmann und Universal. Rump zufolge wird diese Anforderung aber auch nicht an die Systeme gestellt. "Es kommt darauf an, die Missbrauchsrisiken so weit zu mildern, dass tragfähige Geschäftsmodelle trotzdem möglich sind." Ähnlich verhalte sich die Musikindustrie auch im stationären Handel. Rump sieht noch einen weiteren Zusammenhang zwischen traditionellem Geschäft und Internetvertrieb: "Solange der Titel im Plattenladen steht, wird es auch MP3-Dateien im Internet geben."

Wochen der Musikbündnisse

In den vergangenen Wochen ging es in der Muisikindustrie Schlag auf Schlag. Zunächst kündigten Universal und Sony an, in Zukunft gemeinsam mit dem Abonnementdienst Duet zu starten. Bertelsmann, EMI, AOL-Time-Warner und Real Networks konterten daraufhin mit dem Joint Venture Musicnet. Als Partner meldeten sich bereits der Onlinedienst AOL, der Musiksender MTV und das Bertelsmann-Unternehmen Napster.

Wie die neuen Musikportale das Sicherheitsproblem lösen wollen, ist noch weitgehend unklar. "Musicnet ist kein Portal, das Musik an Kunden verkauft, sondern eine Vermarktungsstelle für die Musikindustrie. Die verschiedenen Plattformen müssen dafür sorgen, dass die Rechte der Künstler gewahrt werden", sagt Alexander Adler, Sprecher der Bertelsmann E Group. -Commerce

Die Tauschbörse Napster will nach seinen Worten in Zukunft nicht mehr mit MP3 arbeiten, sondern mit einem neuen Dateiformat mit der Endung nap. Hinter diesem Kürzel soll sich eine neue Art Rechteverwaltung verbergen, die definieren soll, wie die Daten genutzt werden können. Abspielbar sind die Dateien laut Adler nur mit dem Napster-Player, dessen Funktionlität weiter ausgebaut werden soll. Der Onlinedienst AOL wiederum setzt auf die Partnerschaft mit Real Networks, dem Hersteller des derzeit populärsten Players; Microsoft, mit dem Media Player Nummer 2 im Markt, hat die Rechteverhandlungen noch vor sich, will Titel zumindest auf längere Sicht aber auch im Abonnement und gegen Gebühr offerieren.

Wasserzeichen bieten keinen Schutz vor Raubkopien

Die MP3-Erfinder vom Fraunhofer-Institut forcieren derzeit die Entwicklung digitaler Wasserzeichen. Bei diesem Verfahren werden die Inhalte im Ursprungsformat verschickt und mit einem Wasserzeichen angereichert. Auf diese Weise kann beispielsweise auch eine individuell zugewiesene Kundennummer in die Datei eingebettet werden. Da das Wasserzeichen bei jedem Kopiervorgang auf gleichem Qualitätsniveau erhalten bleibt, kann Neubergers Worten nach die Herkunft eines Musiktitels im Internet aufgespürt werden. Auch beim MP3-Nachfolgeformat Advanced Audio Coding, AAC, das 30 Prozent mehr Klangqualität bietet, ist das Wasserzeichen fester Bestandteil der Daten und lässt sich nicht ohne Qualitätseinbußen entfernen. Eines müsse beim Wasserzeichen aber stets klar sein, sagt Neubauer: "Wasserzeichen sind kein Kopierschutz, sondern eher eine psychologische Barriere."

Die Suche nach illegaler Musik übernehmen Spezialfirmen. So hat das Unternehmen Conscope, ein Ableger der Münchner Agentur Freshnet, im vergangenen Herbst im Auftrag des Verbandes der Phonographischen Industrie das Netz nach illegalen MP3-Dateien durchstöbert. Geschäftsführer Oliver Bischoff sagte Handelsblatt.com, das Unternehmen sei bereits mit den Musiklabeln im Gespräch, um die Suche auch nach Titeln mit Wasserzeichen auszudehnen.

Eine Einladung an Musikpiraten

Als eher kontroproduktiv wird von vielen Experten der Versuch eingeschätzt, Wasserzeichen als Zugangskontrolle einzusetzen. "Der Trend geht weg von komplizierten Verschlüsselungssystemen, die es dem Verbraucher zusätzlich schwer machen, kostenpflichtige Dateien nach eigenen Vorstellungen einzusetzen", sagt Bischoff.
Genau diesen Ansatz aber verfolgt die Secure Digital Music Initiative (SDMI), ein Zusammenschluss von Hardware- und Softwarefirmen. Der Branchenverband hat es sich zum Ziel gesetzt, das Abspielen illegaler Musik unmöglich zu machen.

Die Allianz erwies sich seit ihrer Gründung im Februar 1999 als Fehlschlag. Alle sechs Systeme, die im Herbst vergangenen Jahres getestet wurden, waren den Anforderungen nicht gewachsen. Im Januar nahm der Vorsitzende, Leonardo Chiariglione, Reißaus. Zuletzt traf sich das Gremium Anfang März in Tokio; auf mehr als neue Absichtserklärungen konnten sich die Mitglieder nicht verständigen.

Experten halten den Ansatz für grundsätzlich verkehrt, weil mit den Nutzern auch potenzielle Musikpiraten Zugang zum Decoder erhalten. "Die fundamentale Frage ist: Steht der Decoder dem Benutzer zur Verfügung oder nicht?" sagt Neubauer. Werde der Decoder zusammen mit der Hardware verbreitet, sei die Gefahr groß, dass der Schutz von Musikpiraten ausgehebelt werde. Auch der Code, der DVD-Player auf das Abspielen bestimmter Länderversionen beschränken sollte, habe den Angriffen der Hacker nicht lange standhalten können, sagt Neubauer.

Niels Rump sieht den Nutzen des Forums denn auch nicht bei der Verabschiedung der Standards; viel wichtiger sei es, dass sich bei den Treffen Unternehmen jenseits kartellrechtlicher Grenzen abstimmen konnten. "SDMI hat vielen Unternehmen die Chance gegeben, miteinander ins Gespräch zu kommen; viele der Allianzen, die wir jetzt sehen, sind durch die SDMI erst möglich geworden."

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