Sicherheitsrat besorgt - Bin Laden nach Taliban-Angaben unverletzt
USA fliegen zweite Angriffswelle gegen Afghanistan

Die USA haben am Montagabend eine zweite Angriffswelle auf mutmaßliche Stützpunkte der Taliban-Milizen und des als Terroristenführer gesuchten Osama bin Laden in Afghanistan geflogen. An der Militäraktion nahmen nach Angaben des US- Verteidigungsministeriums 20 Flugzeuge teil. Ziele waren unter anderem Luftabwehrstellungen, Radaranlagen und Kommandozentralen der Taliban.

dpa/ap KABUL/WASHINGTON. Der UNO-Sicherheitsrat äußerte sich unterdessen besorgt über die Lage der Zivilbevölkerung in Afghanistan. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wird am Dienstagvormittag zu einem eintägigen Besuch in den USA erwartet.

An den neuerlichen Angriffen waren nach US-Angaben diesmal keine britischen Flugzeuge beteiligt. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bekräftigte das Ziel, mit den Aktionen solle der Boden dafür bereitet werden, das Terrornetz von Bin Laden zu zerstören.

Bei den Militärschlägen am zweiten Tag in Folge wurden nach Angaben des Nachrichtensenders CNN die Hauptstadt Kabul sowie die Taliban-Hochburg Kandahar beschossen. Das Taliban-Regime sprach von Angriffen auf die Stadt Dschalalabad. Über mögliche Opfer wurde zunächst nichts bekannt. Am frühen Dienstagmorgen berichtete der arabische Fernsehsender Al-Dschasira von einem weiteren Militärschlag. Nach CNN-Angaben waren die Angriffe zunächst auch nach Tagesanbruch fortgesetzt worden.

Kabul erneut ohne Strom

Fast genau 24 Stunden nach Beginn der ersten Militärschläge gegen die Taliban griffen die Streitkräfte am Montagabend die Städte Kabul, Kandahar und Masar-i-Scharif an, wie die Nachrichtenagentur AIP meldete. Raketen schlugen im Westen, Norden und Osten von Kabul ein. Dort liegen ein Sendeturm, der Flughafen und eine verlassene Festung. Britische Kampfflugzeuge waren nicht beteiligt. Kurz nach 18 Uhr MESZ fiel der Strom aus. Der Radiosender der Taliban forderte die Bevölkerung auf, die Fenster zu verdunkeln und in ihren Häusern zu bleiben.

Die Miliz schoss offenbar Boden-Boden-Raketen ab, die vermutlich gegen Stellungen der Nordallianz nördlich von Kabul gerichtet waren. Ein Sprecher der Taliban, Abdul Hai Muttmain, erklärte, die Angriffe am Montag seien deutlich schwächer gewesen als am Sonntag. "Sie haben keine militärischen Ziele getroffen", sagte er. "Die Moral der Menschen ist hoch." Der mutmaßliche Terroristenführer Osama bin Laden und der Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar seien unversehrt und in Sicherheit. Muttmain wies Berichte der iranischen Nachrichtenagentur IRNA zurück, wonach Verkehrsminister Achtar Mohammed Mansur am Montagabend getötet wurde.

Die Taliban erklärten außerdem, am Sonntag seien 20 Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen auch Frauen und Kinder. Das Pentagon teilte dagegen mit, die Raketen hätten 31 Ziele getroffen, darunter Radaranlagen, Kommandoanlagen, Flughäfen, Einrichtungen von Bin Ladens Netzwerk El Kaida sowie Truppen der Taliban vor allem im Norden des Landes. Die Taliban meldeten den Abschuss eines alliierten Flugzeuges. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte dagegen, alle Maschinen seien unversehrt zurückgekehrt.

Blair schließt Einsatz von Bodentruppen nicht mehr aus

Vor Beginn der Angriffe am Montagabend hatten die Taliban eine britische Journalistin freigelassen und sie den pakistanischen Behörden übergeben. Die Frau war zehn Tage zuvor festgenommen worden. Der britische Premierminister Tony Blair deutete im Parlament an, die Militäraktion noch auszuweiten, ohne Einzelheiten zu nennen. Das Verteidigungsministerium nannte jedoch den Einsatz von Bodentruppen als Option. Nach britischen Angaben waren einige der angegriffenen Stützpunkte von bin Laden verlassen.

Die USA kündigte an, sie wollten im Kampf gegen den Terrorismus neben Afghanistan möglicherweise auch andere Staaten angreifen. In einem Brief an den Sicherheitsrat erklärte der amerikanische Gesandte John Negroponte am Montag, dass die amerikanische Regierung sich das Recht vorbehalte, mutmaßliche terroristische Zellen auch außerhalb von Afghanistan anzugreifen. Er bezeichnete in dem Schreiben die Angriffe gegen die Taliban-Miliz als Akt der Selbstverteidigung. Die Ermittlungen dauerten noch an, sagte Negroponte. Möglicherweise sei es zur Selbstverteidigung der USA notwendig, weitere Schritte einzuleiten, die andere Organisationen oder Staaten betreffen könnten.

Ausschreitungen in Pakistan

In Pakistan geriet die Lage am Montag zum Teil außer Kontrolle. Islamische Parteien riefen zum Heiligen Krieg gegen die Regierung auf, die den Militäreinsatz unterstützt. Die Polizeikräfte in der südwestlich gelegenen Stadt Quetta feuerten mit scharfer Munition in die Luft, um eine Menge von 4 000 Demonstranten aufzulösen. Angegriffen wurden auch das Gebäude des Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Quetta und die Vertretung des Kinderhilfswerks UNICEF. Aus Sicherheitsgründen schloss Pakistan sechs Flughäfen für den zivilen Luftverkehr. Militärmachthaber Pervez Musharaf entließ den Geheimdienstchef, General Mahmood Ahmed, und ersetzte ihn durch Ehsan ul Haq. In den vergangenen Tagen waren bereits zwei Taliban-freundliche Generäle entlassen worden.

Gewaltsame Proteste gegen die Luftangriffe gab es auch in den palästinensischen Autonomiegebieten. In Gaza wurden zwei Demonstranten getötet und 50 verletzt. Die Straßenschlacht zwischen Demonstranten und palästinensischer Polizei war die schwerste interne Konfrontation zwischen Palästinensern seit Jahren.

NATO verlegt AWACS-Maschinen in die USA

Die NATO beschloss, fünf AWACS-Maschinen in die USA zu verlegen, damit US-Aufklärungsflugzeuge in die Krisenregion entsandt werden können. AWACS-Maschinen haben eine multinationale Besatzung, an der die Bundeswehr mit 25 % beteiligt ist. Da die Einsätze in AWACS-Maschinen innerhalb des NATO-Bündnisgebietes stattfinden, ist eine Entscheidung des Bundestages nicht nötig.

Die USA und Großbritannien hatten am Sonntagabend knapp vier Wochen nach den Terroranschlägen in New York und Washington mit ihren Angriffen in Afghanistan begonnen. Der UNO-Sicherheitsrat billigte am Montagabend in einer Sitzung hinter verschlossenen Türen die Angriffe gegen das Taliban-Regime. Im Laufe des Dienstags will das Gremium darüber beraten, wie der Not leidenden Bevölkerung in Afghanistan geholfen werden kann.

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