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Sicherheitsstufe 1

Das Silicon Valley versucht, sich als High-Tech-Zentrum der USA vor Terror zu schützen: Firmen investieren massiv in Sicherheitstechnik.

Oracle-Chef Larry Ellison stand vor einer harten Entscheidung. Acht Mitarbeiter des Software- und Datenbankhauses sind offenbar bei den Terroranschlägen in New York und Washington ums Leben gekommen. Viele Firmenlenker hätten sich angesichts der Tragödie entschlossen, die Arbeit so lange ruhen zu lassen, bis der erste Schock überwunden ist.
Nicht so Ellison: "Wir können und dürfen nicht schließen", teilte er seinen Leuten mit.

Schließlich sind viele der Rettungsorganisationen sowie die Bundespolizei FBI und der Geheimdienst CIA Kunden des Riesen aus dem Silicon Valley, außerdem zahlreiche Krankenhäuser. Bei Oracle arbeiten die Mitarbeiter nun von frühmorgens bis spätabends, um die speziellen Bedürfnisse der Kunden zu erfüllen. "Jeder tut, was er kann, um in der Krise zu helfen", sagt Mark Jarviz, Marketingvorstand bei Oracle.

Die Schockwellen der Terroranschläge sind bis ins kalifornische Silicon Valley deutlich zu spüren. Amerikanische Flaggen zeugen von Patriotismus und dem Versuch, Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen zu zeigen. Fast alle Firmen hier versuchen, durch Spenden von Geld und Blut zu helfen.

Mit Hochdruck arbeiten die Soft- und Hardware-Anbieter auch daran, die zerstörte IT-Infrastruktur ihrer Kunden wieder in Gang zu bringen (siehe Netzwert vom 17.09). Die Computerhersteller Hewlett-Packard und Compaq haben Krisenzentren eingerichtet, bei Oracle arbeiten ganze Teams daran, die Systeme der Kunden wieder betriebsfähig zu machen.

Während sich einige Mitarbeiter im Valley in die Arbeit stürzen, sind andere wie gelähmt vor Schmerz. "Das ganze Unternehmen trauert", sagt Cisco-Sprecherin Terry Anderson.

Unter solchen Umständen ist es nicht einfach, sich auf den Geschäftsalltag zu konzentrieren. Wirtschaftswissenschaftler erwarten deshalb für den September einen Rückgang der Produktivität. Mike Brozda, Sprecher des Chip- Herstellers National Semiconductor, glaubt, dass die emotionalen Auswirkungen auch die eigenen Geschäfte beeinträchtigen: "Vieles geht zurzeit nur im Zeitlupentempo." Hinzukommt, dass die Unternehmen im Valley ihre Sicherheitsvorkehrungen massiv hochgefahren haben - auch das kostet Zeit.

Wie groß die wirtschaftlichen Folgen der Anschläge im Silicon Valley sind, vermag noch niemand zu sagen. "Es ist zu früh, um abzusehen, welche Konsequenzen die Anschläge auf unser Geschäft haben", sagt Chuck Mulloy, Sprecher des Chip-Produzenten Intel.

Zwar laufen die Geschäfte nach der Wiederaufnahme des Flugverkehrs bei den meisten Unternehmen wieder wie bisher, doch der Schock sitzt tief.

Und die Angst. Schließlich ist das Valley eines der wichtigsten Zentren der US-Wirtschaft. Unternehmen wie Cisco, Intel und Oracle spielen zudem eine wichtige Rolle in der Verteidigungsindustrie. Schon seit langem gilt das Tal südlich von San Francisco deshalb als mögliches Ziel von Terroranschlägen. "Die Region ist immer in Gefahr, auch wenn wir nicht unter direktem Angriff der Terroristen stehen", warnt FBI-Spezialagent Andrew Black. Um so gespannter ist die Atmosphäre jetzt, da die Anschläge in New York und Washington die Verwundbarkeit allzu deutlich gemacht haben.

"Wir haben die Sicherheitsvorkehrungen in allen Werken weltweit erhöht", sagt Malloy von Intel. Auch Cisco tat nach eigenen Angaben "was nötig ist, um die Sicherheit der Mitarbeiter zu gewährleisten."

Genaueres verraten die Firmen nicht - aus Sicherheitsgründen. Aber es dürfte sich nicht darauf beschränken, dass die Wachleute bei den Eingangskontrollen penibler auf die Besuchs- und Mitarbeiterausweise schauen. So kooperieren alle Großen der Branche in diesen Tagen besonders intensiv mit dem FBI.

Dass es eine zweite Anschlagswelle im Silicon Valley geben wird, halten Terrorismus-Experten aber für unwahrscheinlich. "Ich glaube, dass sich religiös und ideologisch motivierte Terroristen ein Ziel mit größerem Symbolwert aussuchen", meint Kimberly McCloud, Terrorismus-Forscherin am Monterrey Institute of International Studies. "Die Gruppen, die bei den Anschlägen verdächtigt werden, scheinen es nicht darauf abgesehen zu haben, die Infrastruktur der USA zu zerstören", sagt sie. "Ich glaube vielmehr, dass die Täter uns psychologischen Schaden zufügen wollen, so dass wir uns ihren Zielen beugen."

Diese psychologischen Auswirkungen sind das, was Richard Carlson, Vorsitzender der Unternehmensberatung Spektrum Economics, für die wirtschaftliche Lage der Region am meisten fürchtet. "Es gibt jede Menge Unsicherheiten, keiner weiß, was als nächstes passiert."

Unternehmen wie Privatkunden verschieben daher größere Käufe und Investitionen - Gift für die ohnehin angeschlagene Konjunktur. "Wir schlittern in eine Rezession, die nächsten drei bis sechs Monate werden sehr unangenehm", sagt Carlson.

Danach sieht er zumindest für die IT- Branche wieder bessere Zeiten, und das auf einen Schlag: "Die Technologieausgaben werden rapide steigen." US-Unternehmen würden in nächster Zeit vor allem in Sicherheitstechnik investieren - sei es in biometrische Systeme zur Personen-Identifikation oder in Daten- und Netzwerksicherheit.

Unternehmen wie RSA Security, Counterpane Internet Security oder IBM würden mehr Aufträge bekommen, als sie bewältigen können, meint Charles Howe, Research Direktor beim Marktforscher Forrester. Zudem dürften Anbieter von Technik für Videokonferenzen Auftrieb erhalten. Denn mancher Mitarbeiter wolle vorerst lieber in kein Flugzeug mehr steigen. "Wenn Beschäftigte nicht reisen wollen, haben wir dafür Verständnis", sagt Oracle-Vorstand Jarvis. Das ist nicht ungewöhnlich: Viele Unternehmen in den USA lassen jetzt die Mitarbeiter entscheiden, ob sie sich eine Flugreise zumuten wollen - immer mehr Besprechungen laufen über die Datenleitung.

Viele Firmen in New York stehen vor ganz anderen Problemen: Unternehmen aus dem World Trade Center und den umliegenden Gebäuden, deren Mitarbeiter die Anschläge weitgehend unbeschadet überstanden haben, bemühen sich, ihre Geschäfte schnell wieder aufzunehmen, um dem Ruin zu entkommen. In Hotels und provisorischen Büroräumen müssen neue Computer und Kommunikationsnetzwerke installiert werden.

Der Computerhersteller Dell aus dem texanischen Austin spürte dies sofort: Bereits sechs Stunden nach der Katastrophe traf bei Dell die erste Neubestellung von 200 Computern ein - seither reißt die Nachfrage nicht ab. Inzwischen hat der Konzern mehr als 24 000 Server, Laptops und PC verkauft, die beschädigte Hardware ersetzen sollen.

Marktbeobachter schätzen, dass allein die Finanzdienstleister aus dem World Trade Center zwischen 3,2 und 7 Mrd. $ ausgeben müssen, um zerstörte Informationstechnologie zu ersetzen.



Internet-Adressen:

www.oracle.com/corporate/index.html?inmemory.html
Oracle trauert im Netz um tote und bisher vermisste Mitarbeiter.

www.sun.com
Verlinkt auf die Web-Seite des Roten Kreuzes.

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