Sicherheitstechnik für die Piste
Atomic spendiert seiner Skibindung einen Bordcomputer

Die Elektronik ist auch im Skisport nicht mehr zu stoppen. Atomic bringt in der kommenden Saison erstmals eine Skibindung mit Bordcomputer. Dies ist erst der Anfang - weitere Anwendungen werden folgen.

MÜNCHEN. Als weltweit erster Hersteller von Skibindungen hat Atomic jetzt eine Bindung mit Microchip und Batterie vorgestellt. Das so genannte Elektronische Bindungsmanagement System (EBS) zählt zu den herausragenden Innovationen auf der Sportartikelmesse Ispo in München (noch bis morgen). Doch der Weg zur vollelektronischen Bindung ist noch lang: "Um Mißverständissen vorzubeugen, es handelt sich um eine Bindung mit Bordcomputer. Der Auslösemechanismus bleibt rein mechanisch", erläutert Atomic-Chef Michael Schineis.

Wie beim Bordcomputer im Auto informiert das System den Skifahrer auf einem Display am Bindungskopf, ob vor Fahrtbeginn alles okay ist. Es zeigt an, ob die Bindung korrekt geschlossen ist, der Anpressdruck stimmt oder eine Wartung ansteht. Zudem können jederzeit Betriebsstunden, Batteriezustand und justierte Einstellwerte überprüft werden.

Der technische Schnickschnack hat durchaus ernsthaften Hintergrund. Nach Untersuchungen in Österreich fährt nur jeder zehnte Skifahrer mit einer korrekt eingestellten Bindung. Bei Fehlauslösungen stellte der Hersteller lediglich in einem Prozent der Fälle Materialfehler fest. Je ein Drittel beruhte auf falschen Anpressdruck, nicht ordnungsgemäßes Schließen der Bindung bei Fahrtantritt und mangelhafte Wartung. Fehlauslösungen erhöhen die Unfallgefahr und Unfallfolgen erheblich.

Allein in Österreich gibt es jährlich rund 75 000 Skiunfälle. Das neue System soll für mehr Sicherheit sorgen, was auch vor dem Hintergrund der Diskussion um den Versicherungsschutz beim Skifahren in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen kann. Ab der kommenden Saison wird die Bindung mit dem Topmodell von Atomic zunächst in einer Auflage von 3 000 Paar ausgewählten Händlern angeboten. Der Set-Preis werde bei 1 000 Euro liegen, sagte der Atomic-Chef. Einzelpreise der Bindung werden nicht genannt. Als Grund für die geringe Auflage nennt Schienneis auch die erforderliche Schulung für den Service des Handels.

In der Bindung steckt jede Menge HighTech. Zahlreiche Sensoren ermitteln die Messwert an Vorderbacken und Fersenautomat. Mikroprozessoren werten die Informationen aus und melden sie kabellos via Hochfrequenz-Modul vom Fersenautomaten zum Vorderbacken auf die briefmarkengroße Anzeige. Die Batterie, die im Handel nicht mehr als 7 Euro kosten soll, reicht 400 Stunden oder 80 Skitage. Danach muss der technikbegeisterte Skifahrer seine Bretter zur Inspektion bringen.

Den Händler wird es freuen, dem Kunden aber zusätzliche Kosten bescheren. Das System dürfte wohl in der ersten Generation nur etwas für Sicherheits-Freaks mit großem Geldbeutel sein, für Atomic dient es aber als Image-Träger. Wie bei Autos ist es durchaus möglich, dass gerade durch den Preisverfall elektronischer Bauteile, die Technik später auch in den billigeren Modellen Einzug hält.

Das neue Bindungssystem ist noch nicht vom TÜV abgenommen. Doch wegen der konventionellen mechanischen Auslösung dürften keine Problem zu erwarten sein. Atomic-Chef Schineis will sich noch nicht in die Karten schauen lassen, welche weiteren Entwicklungen möglich sind. Im Konzern lauern durchaus noch Synergien. Die Österreicher gehören zu der finnischen Amer-Gruppe. Schwesterunternehmen ist die Firma Suunto. Der Spezialist für Höhenmeter und Handgelenk-Sportcomputer stand auch schon bei der Entwicklung der Elektronik in der Atomic-Bindung Pate. Jetzt müssten nur noch der Handgelenk-Computer einschließlich Pulsmesser mit der Bindung kabellos verbunden werden.

Mit der Meldung von der Bindung ans Handgelenk würde die Sache noch komfortabler und pfiffiger. "Bindung okay, Puls okay" - dann kann's ja guten Gewissens bergab gehen. Auch der Tachometer für den Ski wird auf der Ispo bereits von der englischen Firma Airloft angeboten. Die digitale Zukunft im Skisport hat bereits begonnen. - Die voll digitale Bindung ist nur noch eine Frage der Zeit.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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