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Sie haben gewonnen!

Oder doch nicht? Angst vor Krankheitserregern im Briefkasten macht Direktmarketing-Firmen schwer zu schaffen. Elektronische Maildienste haben dafür Konjunktur.

Post ist gefährlich - das wissen wir schon lange. Seit den Milzbrand-Anschlägen in den USA fassen viele nicht mehr nur die Briefe mit den Rechnungen mit spitzen Fingern an. Post mit Aufdrucken wie "Sie haben gewonnen" wandern gleich in den Papierkorb - solche Sprüche haben derzeit nicht nur in den USA einen bitteren Beigeschmack. Nach Washington liefert die US-Post derzeit gar nicht, und die dortigen Behörden nehmen nicht einmal mehr Pakete des Lieferdienstes FedEx an. Und Zeitungen - etwa der Arizona Daily Star - nehmen keine Briefe und Pakete mehr an, nur noch Postkarten. Die Umstellung darauf dürfte den Schreibern von Leserbriefen leicht fallen, nicht aber den Unternehmen und Presseagenturen, die ihre Presseerklärungen dann künftig auf Karton im Kleinformat drucken müssen.

Für die Unternehmen ist die neue Angst vor dem Briefkasten fast ein Desaster. Die meisten Firmen sind nach wie vor auf die Schneckenpost angewiesen - Rechnungen flattern so ins Haus, Werbung erreicht den Kunden per Post, und in den USA kommt hinzu, dass der Zahlungsverkehr viel über Schecks läuft, die per Brief versandt werden. Elektronisches Banking ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch kaum anerkannt.

Probleme haben vor allem die Direktmarketing-Firmen, deren Post die Leute nun noch weniger lesen. Wer weiß schon, ob das weiße Pulver tatsächlich das Waschpulver enthält, für dass die Verpackung des Pröbchens es ausgibt. Die Versender solcher Werbepost machen inzwischen Werbung mit den Sicherheitsvorkehrungen wie der Installation von Überwachungskameras und der Einstellung von Wachpersonal, mit denen sie das Vertrauen der Kunden wiedergewinnen wollen. Einige Firmen arbeiten mit Sicherheitssiegeln und weisen die Empfänger an die Sendung nicht zu öffnen, wenn das Siegel beschädigt ist.

Aber es gibt auch Erfreuliches: Kunden, die bis vor Kurzem noch darauf bestanden haben, die Anzahl der Meilen auf ihrem Vielfliegerkonto per Post zu erfahren und die Reports der Analysten über die Aktien im Portfolio im Briefkasten zu haben, ziehen jetzt eine E-Mail vor. Das bringt dem billigeren elektronischen Versand den Aufschwung, auf den alle gewartet haben. Die Angst um die persönliche Gesundheit lässt die Furcht vor Computerviren und Hackern belanglos erscheinen. Selbst die Online-Zahlung erfreut sich plötzlich wachsender Beliebtheit. Die Nobel-Kaufhauskette Saks gab bekannt, die Zahl der Anmeldungen für elektronische Bezahlung auf ihrer Web-Seite habe sich in der vergangenen Woche verdoppelt auf 2300 - und führt das auf Anthrax zurück. Ein weiterer Vorteil für die Unternehmen: Sie kommen so schneller an ihr Geld, denn der Scheck ist nicht tagelang in der Post.

Was für Auswirkungen die Angst vor gefährlichen Viren und Bakterien per Post auf die Katalog- und Internet-Firmen haben, muss sich erst noch herausstellen. Das Weihnachtsgeschäft läuft gerade erst an. Auf Paketen von Versendern wie Quelle und Otto ist der Absender deutlich gekennzeichnet; die Kunden wissen also, von wem die Sendung kommt. Wer dagegen bei Beate Uhse und anderen Anbietern erotischer Hilfsmittel einkauft, muss schon mutiger sein: Die versenden ihre Waren mit "neutraler Absenderangabe".

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