Sie leitet die Software-Forschung beim Kopiergerätehersteller Ricoh
Hideko Kunii: Allein unter Männern

Hideko Kunii hat sich auf sanfte Art durchgesetzt. Heute entscheidet sie über das Innenleben der Maschinen von Japans zweitgrößtem Bürogerätehersteller.

TOKIO. Es gibt die lauten Kämpfer, die mit der Faust auf den Tisch hauen. Und es gibt die, die sich still, sanft, aber beharrlich durchsetzen. Hideko Kunii gehört zur zweiten Kategorie.

Perlenohrstecker zum Kurzhaarschnitt, dunkelrosa Lippenstift zu hellblauer Bluse, zierliche Gestalt - klassisch feminin würde ein Modemagazin den Stil der Managerin wohl beschreiben. Dazu passt es, wie sie höflich und eloquent ihre Software-Visionen beschreibt.

Kunii ist nicht die Rebellin, die Japans männerdominierte Firmenwelt auf den Kopf stellt. Doch nach 20 Jahren beim Traditionsunternehmen Ricoh hat sie als Leiterin der Software-Forschung und-Entwicklung so viel Macht und Einfluss wie nur wenige Frauen in der japanischen Wirtschaft. Sie ist die einzige Frau unter den 40 Top-Managern des Konzerns.

Nachdem die japanische Regierung das Ziel ausgegeben hat, den Anteil weiblicher Führungskräfte auf europäisches Niveau zu heben, dienen Erfolgsfrauen wie die Ricoh-Managerin als Vorbild. Da die Arbeitsbevölkerung sinkt, ist Japan zunehmend auf Frauen im Berufsleben angewiesen. Die Erfahrungen von Kunii sind gefragt: in den Gremien des Erziehungs- und Wissenschaftsministeriums sowie des Innen- und Telekommunikationsministeriums.

Doch die 55-jährige Managerin weiß, dass es dauern wird, bis sich das Frauen-Männer-Verhältnis in den Führungsetagen japanischer Konzerne ändert. Die Probleme sind ihr wohlvertraut. Dazu gehören zum Beispiel die informellen Netzwerke der so genannten Old Boys, die es für Männer immer noch einfacher machen aufzusteigen als für Frauen.

Außerdem müssen sich Managerinnen, wenn etwas schief läuft, vorwerfen lassen, das sei eben typisch Frau. "Da muss man manchmal denken: Diesmal nimmst du dich zurück", räumt Kunii ein. Es gebe Probleme, die sich nur über Kulturveränderungen in der japanischen Gesellschaft lösen ließen.

Die Managerin ist keine von denen, die mit dem Kopf durch die Wand gehen wollen. Sie arbeitet eher auf eine richtige Gelegenheit hin. Geduld zählt zu ihren Stärken, was sich auch in ihrem früheren Hobby zeigt. "Für die langsamen Bewegungen im traditionellen japanischen Tanz braucht man unglaublich viel Energie", sagt sie. Für den Kampf um die Gleichberechtigung in einem japanischen Unternehmen mag das wohl auch gelten.

Kunii ist Frau unter Männern, ist Software-Expertin in einem Hardware- Konzern und diejenige, die in einem japanischen Unternehmen US-Ideen vertritt. Die Vision, von der sie ihre Kollegen überzeugen will, ist eine Dokumentenautobahn, an deren wichtigen Kreuzungspunkten Ricoh-Kopierer stehen.

"Es ist für die Entwicklung des Konzerns entscheidend, dass der Kopierer in diesem Netzwerk ein möglichst einfach zu benutzender Bestandteil wird", sagt die Managerin. Dreidimensionale Multimedia-Dokumente sollen in Kopierern gedruckt, gescannt, über das Internet verschickt, gespeichert oder auch kopiert werden. Die Margen dieser Alleskönner sind höher als die der bisherigen Geräte. Deshalb setzt der Konzern klar auf diesen Trend, um seine Marktposition in Japan zu sichern.

Die Zahlen sprechen für sich: Im jüngst abgelaufenen Geschäftsjahr erzielte das Unternehmen den elften Gewinnanstieg in Folge - rund 570 Millionen Euro Nettogewinn bei einem Umsatz von 13,7 Milliarden Euro. Die Erfolge des Unternehmens gehen nicht zuletzt zu einem erheblichen Anteil auf das Konto von Kunii. Mit der wachsenden Bedeutung von Software in Ricoh-Kopierern geht Kuniis Aufstieg im Unternehmen einher.

Wie wohl heute ihr alter Oberschullehrer darüber denkt? Der hatte ihr als Frau damals von einem Physikstudium abgeraten. Doch Kunii hielt an ihrem Vorhaben fest und verfolgte ihre Strategie. Denn nicht aus Trotz schrieb sich die Tochter eines Geo-Physikers für das naturwissenschaftliche Fach an der Universität ein, sondern aus Angst, als Frau in den umkämpften Literaturbetrieben des Landes erst recht unterzugehen.

Aus dem gleichen Grund sattelt sie später in den USA auf Computerwissenschaften um: Anfang der achtziger Jahre gibt es noch wenige IT-Spezialisten in Japan, und ihre Spezialisierung auf Büroautomatisierung ist gefragt. Sie bekommt einen Job bei Ricoh in der neu geschaffenen Software-Abteilung und organisiert für ihre Abteilung erst einmal Software-Fortbildungen am Abend.

Auch heute rät sie jungen Frauen, sich auf Felder zu spezialisieren, in denen Fachleute für neue Lösungen gesucht werden. "Computer und Biotechnologie etwa", empfiehlt sie. So könnten sie viele Hindernisse, viele unnötigen Kämpfe umgehen.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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