Sieben Monate schlechte Nachrichten
Chronik: Babcocks Schleuderkurs

Das über 100 Jahre alte Oberhausener Traditionsunternehmen war bereits 1996 nur durch zusätzliche Bankenkredite über 600 Millionen Mark und einem Lohnverzicht der Arbeitnehmer von insgesamt 100 Millionen Mark um eine Pleite herumgekommen.

Das über 100 Jahre alte Oberhausener Traditionsunternehmen war bereits 1996 nur durch zusätzliche Bankenkredite über 600 Millionen Mark und einem Lohnverzicht der Arbeitnehmer von insgesamt 100 Millionen Mark um eine Pleite herumgekommen. Nach der Aufgabe zahlreicher Arbeitsgebiete und dem Verkauf von Firmen arbeitete der Konzern zuletzt insbesondere in den Bereichen Energietechnik und Schiffbau. Es stellt unter anderem Kombikraftwerke, Dampfturbinen, Industriekessel her und beschäftigt weltweit 22 000 Mitarbeiter.

Reuters stellt nachfolgend eine Chronologie der Ereignisse aus den vergangenen Monaten zusammen:



  • 26. November 2001: Babcock Borsig kündigt die vollständige Übernahme der Howaldtswerke Deutsche Werft AG (HDW) an



  • 8. Januar 2002: Der US-Investor Guy Wyser-Pratte steigt mit 5,1 Prozent bei Babcock ein



  • 31. Januar 2002: Babcock Borsig stellt ein schwieriges Geschäftsjahr 2001/02 mit einem bestenfalls operativ ausgeglichenen Ergebnis in Aussicht. Vorrang habe ein Ausbau des Marinegeschäfts, in dem eine Aufstockung der Beteiligung an der Kieler Howaldtswerke-Deutsche-Werft (HDW) auf 100 Prozent angestrebt wird.



  • 28. Februar 2002: Babcock Borsig hat im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2001/2002 seinen Verlust auf 76 Millionen Euro ausgeweitet.



  • 11. März 2002: Babcock-Vorstandschef Klaus Lederer vollzieht eine überraschende strategische Kehrtwende und teilt mit, 25 Prozent an der HDW an den US-Finanzinvestor One Equity Partners (OEP) verkauft zu haben. Auch der Babcock-Großaktionär Preussag teilt mit, seine Direktbeteiligung von 30 Prozent ebenfalls an den US-Investor verkauft zu haben.



  • 14. März 2002: Wyser-Pratte beantragt wegen des überraschenden Strategiewechsels die Verschiebung der für den 19. März anberaumten Hauptversammlung.



  • 15. März 2002: Trotz heftiger Aktionärskritik wegen der strategischen Wende teilt Babcock mit, an der geplanten Hauptversammlung und ihrer Agenda unverändert festhalten zu wollen. Der Aktienkurs bricht teilweise um 30 Prozent ein.



  • 19. März 2002: Die Babcock Borsig-Aktionäre machen auf einer turbulenten Hauptversammlung ihrem Ärger über die umstrittene Kehrwendung in der Unternehmensstrategie Luft und werfen Vorstandschef Lederer "Täuschung" und "Verrat" vor. Anträge auf Verschiebung der Hauptversammlung, auf Abstimmung über den Strategiewechsel und Ablösung des Aufsichtsratschef Friedel Neuber als Leiter der Versammlung finden aber keine Mehrheit.



  • 25. März 2002: Der ThyssenKrupp-Konzern teilt mit, sich mit 15 Prozent an der HDW beteiligen zu wollen. Der Schritt sei aber abhängig vom vollständigen Rückzug der Babcock aus HDW.



  • 16. April 2002: Der Kurs der Babcock Borsig-Aktie bricht zeitweilig über mehr als 24 Prozent ein, was Börsianer auf massive Verkäufe großer Banken wegen der unklaren Unternehmensstrategie zurückführten.



  • 25. April 2002: Wyser-Pratte stellt Strafanzeige gegen Babcock Chef Lederer wegen falscher Angaben auf der Hauptversammlung über seine Beteiligung an einem Beratungsunternehmen gestellt.



  • 25. April 2002: Der Chef des Kraftwerksbetreibers Steag, Jochen Melchior, soll nach dem Willen des Babcock-Aufsichtsrats Konzernchef Klaus Lederer ablösen.



  • 29. Mai 2002: Babcock stellt für das laufende Geschäftsjahr wegen Kosten für die Neuausrichtung einen Konzernverlust von mindestens 100 Millionen Euro in Aussicht. Das Duisburger Landgericht hat den von Babcock geplanten Verkauf von der Hälfte seiner HDW-Beteiligung an OEP mit einer einstweiligen Verfügung auf Antrag von Wyser-Pratte gestoppt.



  • 30. Mai 2002: Roland Berger stellt ein Sanierungskonzept vor



  • 9. Juni 2002: Babcock teilt mit, für den Verkauf einer 25-prozentigen Beteiligung an der HDW an OEP rund 350 Millionen Euro erhalten zu haben. Eine Entscheidung über den Verkauf des verbleibenden Anteils von 25 Prozent plus eine Aktie an OEP soll noch im Sommer fallen.



  • 14. Juni 2002: Das Unternehmen beruft entgegen früherer Absichten nun doch für den 14. und 15. August eine außerordentliche Hauptversammlung ein. Konzernchef Lederer legt seine Ämter im Konzern mit sofortiger Wirkung nieder.



  • 21. Juni 2002: Ein Babcock-Sprecher erklärt, für das Unternehmen bestehe nach dem Anteilsverkauf an der Werft HDW keine Gefahr der Insolvenz. Nach Gesprächen mit ihren Kernbanken und einigen Anteilseignern benötige das Unternehmen aber kurzfristig Liquidität in Höhe von rund 200 Millionen Euro zur Fortführung der Geschäfte. Die Aktie von Babcock Borsig bricht daraufhin zeitweilig um mehr als 50 Prozent ein.



  • 25. Juni 2002: Die Arbeitnehmervertreter verzichten auf Löhne in Höhe von rund 50 Millionen Euro und erfüllen damit eine Forderung der Gläubigerbanken. Die zähen Verhandlungen mit den Banken ziehen sich hin.



  • 26. Juni 2002: Der Babcock-Großaktionär Preussag signalisiert seine Hilfe.



  • 27. Juni 2002: Das Duisburger Landgericht bestätigt zwei einstweilige Verfügungen gegen Babcock, die dem Konzern den Verkauf seiner HDW-Beteiligung vorläufig untersagt. Neue finanzielle Risiken werden bekannt.



  • 1. Juli 2002: Die Anzeichen für eine Insolvenz von Babcock verdichten sich. Die Banken einigen sich weiterhin nicht auf Rettungsmaßnahmen.



  • 3. Juli 2002: Bei stundenlangen Verhandlungen unter Beteiligung von NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement wird weiter keine Einigung über ein Sanierungskonzept gefunden. Die letzte Frist für eine Lösung wird um 24 Stunden verlängert auf Freitag, 0 Uhr.



  • 4. Juli 2002: Eine neue Verhandlungsrunde bringt bis zum Abend zunächst keine Fortschritte. Bundeskanzler Gerhard Schröder schaltet sich ein und trifft am Abend mit Babcock-Betriebsräten zusammen.



  • 5. Juli 2002: Babcock teilt mit, den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens noch am 4. Juli gestellt zu haben. Die Verhandlungen um eine Rettung des Konzerns werden aber fortgesetzt.
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