Sieben Prozent der weltweit gehandelten Arzneimittel sind gepanscht
Gefälschte Medikamente töten viele Menschen

Mehrere tausend Menschen in den Entwicklungsländern sterben jedes Jahr an gefälschten und gepanschten Medikamenten. Der Handel mit Ramschpräparaten nimmt zu und droht nun auch auf die EU und nach Amerika überzugreifen. Die Pharmaindustrie verliert durch die Fälschungen jährlich 12 Mrd. Dollar.

GENF. Als kolumbianische Ermittler im vergangenen Dezember die angeblichen Vitamin- und Antiheuschnupfenpillen untersuchten, staunten sie nicht schlecht: Die Drops bestanden aus gefärbtem Zement. Der Handel mit gefälschten und gepanschten Medikamenten nimmt weltweit zu und tötet Menschen. Um sich gegen die Meningitis zu wappnen, griffen Tausende Nigerianer 1995 zu einem gefälschten Impfstoff - 2500 Patienten starben. Bisher galten Ramschpräparate als Problem der Entwicklungsländer. Experten warnen, dass die gefälschten Präparate nun auch die Bevölkerung in wohlhabenden Ländern bedroht.

Nach Schätzungen des Internationalen Verbandes der Arzneimittelhersteller (IFPMA) sind 7 % aller weltweit gehandelten Medikamente und pharmazeutischen Mittel Fälschungen. "Das Risiko wird auch in der EU und in den USA immer größer", betont Harvey Bayle, Generalsekretär des IFPMA. "Die Regierungen haben das weltweite Problem zu lange ignoriert." Auch in Deutschland "ist eine Gefährdung durch Arzneimittelfälschungen nicht auszuschließen", warnen die Experten vom German Pharma Health Fund (GPHF), einer Initiative forschender deutscher Arzneimittelhersteller.

Der Handel mit gefälschter Arznei nimmt zu, weil Freihandelsverträge und offene Grenzen das Treiben krimineller Organisationen erleichtern. Zahlen der Weltgesundheitsorganisation belegen den tödlichen Trend. Zwischen Januar 1999 und Oktober 2000 gingen bei der Genfer Uno-Behörde 46 Fälle von Pharmapiraterie aus 20 Staaten ein. Bereits acht reiche Länder waren betroffen. Tendenz steigend. Gerade für die EU und die USA nutzen die Fälscher die Eitelkeit ihrer Opfer aus. Implantate für Schönheitsoperationen setzen sich aus billigstem Stoff zusammen. "Gym drugs", mit denen Bodybuilder ihre Muskeln aufpäppeln, bestehen nicht selten aus nutzlosen Pharmaresten.

Die Produktpiraten sind nicht zimperlich, gefälscht wird alles. "Wirkstoffe, Dosierungen, Beipackzettel, Verpackungen, Herstellernamen, Chargennummern, Verfallsdaten und Dokumente über angebliche Qualitätskontrollen", schreibt der GPHF. Der Schaden ist groß. "Nach konservativen Schätzungen bringen die kriminellen Konkurrenten die traditionelle Pharmaindustrie um Umsätze von rund 12 Milliarden Dollar," schätzt Interpol.

Tödlich trifft es die Ärmsten. Konkrete Zahlen über die Opfer gibt es jedoch nicht. In Entwicklungsländern werden die Toten schnell verscharrt, Autopsien sind zu teuer. Und wer soll in den bettelarmen Ländern die Echtheit der Medikamente überprüfen? "Das ist ein schreckliches Problem für die Menschen dort", räumt der Pharma-Lobbyist Harvey Bale ein. Beispiel Nigeria: Die Hälfte aller verkauften Medizin besteht aus Abfall. Beispiel Vietnam: Die Hälfte aller Anti-Malaria-Produkte sind gefälscht. Jeder zweite Konsument stirbt oder wird sterben. Beispiel Philippinen: Jedes zehnte Medikament bedroht die Gesundheit des Patienten.

Die meisten der Giftküchen stehen in Asien. "In den asiatisch-pazifischen Märkten wird der Handel mit Antibiotika immer schwungvoller", berichtet Interpol. "Fläschchen werden aus Krankenhausmüll genommen und mit allem billigem Zeug aufgefüllt, etwa mit Stärkemehl oder gar mit Talk."

Die etablierte Pharma-Industrie tut sich schwer mit der tödlichen Konkurrenz. So kritisiert Rembit Lago, Medikamenten-Fälschungsexperte der Weltgesundheitsorganisation: "Die Industrie verfügt über mehr Daten, als sie herausgaben." Tatsächlich: Auf Anfrage etwa gaben die Multis Roche in Basel und Bayer in Leverkusen nur vage Informationen. Immerhin kooperieren die Unternehmen mit der WHO oder Interpol. Doch der Kampf gegen die tödliche Medizin steht erst am Anfang. Christian Berg vom German Pharma Health Fund vermutet, "dass das wahre Ausmaß des Problems noch im Dunkeln liegt".

Mitarbeit: John Zarocostas, "Business" London

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