Siebte Zinserhöhung seit November 1999
Märkte reagieren gelassen auf EZB-Zinserhöhung

Die Europäische Zentralbank hat die Leitzinsen in der Euro-Zone am Donnerstag überraschend um einen viertel Prozentpunkt erhöht.

Reuters FRANKFURT. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen in der Euro-Zone am Donnerstag überraschend um einen viertel Prozentpunkt erhöht. Der Schlüsselzins betrage nun 4,75 %, teilte die EZB nach der Ratssitzung in Frankfurt mit. EZB-Präsident Wim Duisenberg begründete den Zinsschritt mit den Inflationsrisiken, die von den hohen Ölpreisen und dem niedrigen Euro-Kurs herrührten. Mehrere Analysten sagten, der Schritt habe offenbar den Zweck, den gemeinsamen Interventionen der Notenbanken zu Gunsten des Euro von Ende September Nachdruck zu verleihen und den Euro zu stärken. Die Finanzmärkte, an denen mit unveränderten Zinsen gerechnet worden war, reagierten dennoch gelassen. Es war die siebte Zinserhöhung der EZB seit November 1999.

>"Die heutige Entscheidung zielt weiter darauf ab, dass der Aufwärtsdruck auf die Verbraucherpreise, die von den Ölpreisen und dem Wechselkurs des Euro herrühren, sich nicht in anhaltende inflationäre Tendenzen umwandelt", sagte EZB-Präsident Duisenberg vor Journalisten. Es sei wichtig, diesen Risiken angemessen zu begegnen, um ein kontinuierliches Wachstum der Wirtschaft und der Beschäftigung auf mittlere Sicht zu gewährleisten. "Die Möglichkeit kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Anstieg der Ölpreise als solcher vorübergehend kurzfristig die Wachstumsdynamik dämpfen kann", sagte Duisenberg. Die Kräfte des zugrundeliegenden robusten Wachstums bleiben mittelfristig jedoch bestehen. Einen direkten Zusammenhang zwischen den Interventionen und dem Zinsschritt gebe es nicht.

Neben dem als Schlüsselzins geltenden Mindestbietungssatz für die als Zinstender ausgeschriebenen Hauptrefinanzierungsgeschäfte hob die EZB auch den bisherigen Zinskorridor für den Euro-Geldmarkt um einen Viertel Prozentpunkt an. Der Satz für die Übernacht-Einlagen von Geschäftsbanken bei der EZB (Einlagenfazilität) betrage nun 3,75 % und für Übernacht-Kredite (Spitzenrefinanzierung) 5,75 %, teilte die EZB mit.

Analysten sehen in dem Zinsbeschluss einen Versuch, den Euro weiter zu stärken. "Der Grund könnte sein, dass die EZB die Devisenmarktintervention (vom 22. September) zu Gunsten des Euro unterstützen will, um eine größere Wirkung zu erzielen", sagte Christoph Bals von der Commerzbank in Frankfurt. Er verwies darauf, dass auch der Internationale Währungsfonds (IWF) gefordert hatte, bei Eingriffen am Devisenmarkt dies auch mit geldpolitischen Maßnahmen zu untermauern. Am 20. September hatte der Euro ein Rekordtief von weniger als 0,8440 $ markiert. Zwei Tage später hatte die EZB dann gemeinsam mit anderen G-7-Notenbanken am Devisenmarkt zu Gunsten des Euro interveniert und der Gemeinschaftswährung Kursgewinne von zwischenzeitlich rund fünf Prozent beschert.

Ähnlich gelassen reagierten andere Experten: "Das war vom Zeitpunkt her überraschend, von der Tatsache her jedoch nicht. Die EZB hatte im Vorfeld ja schon mit den üblichen Begründungen auf die nach wie vor reichliche Liquiditätsausstattung verwiesen", sagte Frank Schröder von HSBC Trinkaus in Düsseldorf. Er geht davon aus, dass dies die letzte Zinserhöhung in diesem Konjunkturzyklus gewesen sei. Im Vorfeld der Ratssitzung hatten in einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters 34 von 48 befragten Volkswirten unveränderte Leitzinsen vorhergesagt. Viele Volkswirte hatten darauf verwiesen, dass das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone bereits seinen Höhepunkt erreicht haben könnte und deshalb keine aggressiven Zinsschritte mehr nötig seien.

Der Zinsschritt war die siebte Anhebung des Schlüsselzinses der EZB seit November 1999. Der Schlüsselzins ist damit seitdem um insgesamt 225 Basispunkte angehoben worden. Zuletzt waren alle drei Leitzinsen angesichts der Inflationsgefahren am 31. August um 25 Basispunkte erhöht worden. Der Kurs des Euro reagierte mit moderaten Zuwächsen auf die Zinsentscheidung, bröckelte aber im Verlauf der Pressekonferenz auf 87,45 US-Cents, dem Niveau zurück, das er vor der Zinsentscheidung gehabt hatte. Der deutsche Aktienmarkt reagierte kaum auf die Zinsentscheidung, das Börsenbarometer Dax lag am Nachmittag mit 0,62 % im Plus. Die britische und die Schweizer Notenbank ließen ihre Zinsen am Donnerstag unverändert.

Die nächste EZB-Ratssitzung findet am 19. Oktober in Paris statt. Zwei Mal jährlich tagt der EZB-Rat außerhalb Frankfurts. Nach diesen auswärtigen Sitzungen findet immer eine Pressekonferenz statt.

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