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Sieg der ruhigen Hand

Bei einem Hamburger Uhrmachermeister lernt man, Zeitmesser auseinander zu nehmen, zu reparieren und wieder zusammenzusetzen - ein Geheimtipp für Uhrenfans.

Schon von klein auf mochte Antonio Vila das Ticken mechanischer Uhren. Als Kind nahm er die Werke auseinander, drehte an den Schräubchen und ölte die Taschenuhr, die ihm der Großvater geschenkt hatte. Heute ist Vila 61 Jahre alt, hat selbst Nachkommen - und repariert mit ihnen zusammen mechanische Uhren. Auf Sammlermärkten kauft er alte Stücke, setzt sie in Gang, reinigt und poliert sie. "Selbst Hand anlegen wollte ich schon lange", sagt der Quickborner Apotheker, "aber ich hatte lange keine Ahnung, wie das geht." Dann stieß er auf auf Ahmed Shawky.

Shawky stammt aus Kairo. Vor über drei Jahrzehnten kam er nach Deutschland, besuchte in Hamburg die Uhrmacherschule, lernte auch Goldschmieden und sogar Metallgießen. Er legte die Meisterprüfung ab, war dann Kundendienst- Leiter in einem größeren Unternehmen und führt nun seit bald 15 Jahren seinen eigenen Laden im Hamburger Stadtteil Eppendorf. Hier, im Verkaufsraum, hält der 54-Jährige seine Kurse ab: Theorie und Praxis der mechanischen Uhr - ein Geheimtipp in Hamburg, die meisten Kursteilnehmer finden über Mundpropaganda hierher.

Er selbst nennt sich einen "Bastler oder, genauer, einen Schrauber". Mit feinsten Nobeluhren à la Patek Philippe würde man nicht bei ihm Hilfe suchen, sondern eher bei den Konzessionären in Citylage, ähnlich wie Autofetischisten mit Problemen an der Motorelektronik ihres Mercedes oder BMW weiter zum Vertragshändler gehen. Aber mit einem älteren Fiat oder Triumph Cabrio - da fühlt man sich bei einem hingebungsvollen Autoschrauber eben besser aufgehoben. Wie die Uhrenfreaks bei Shawky. Der ordnet für seinen Kurs zwei Tische in V-Form an, zwei bis höchstens vier Teilnehmer lässt er zu - "damit ich auf jeden eingehen kann".

An vier Samstagnachmittagen läuft der Anfängerkurs. Wie intensiv die Betreuung ist, hat der Kaltenkirchener Unternehmer Hans Jürgen Moritz erlebt, der mehrfach am Kurstisch saß: "Shawky vergisst während des Kurses beinahe, seinen Laden zu betreuen." Am ersten Kurstag gibt Shawky jedem eine Taschenuhr in die Hand, dazu Tablett, Dreiecks-Schälchen zur Ablage der kleinen Werkteilchen, Schraubendreher, Ölgeber, Lupen - alles, was der künftige Uhr-Heimwerker braucht.

Schritt für Schritt lernen die Teilnehmer, Gehäuse zu öffnen, die feinen Teile zu benennen, die Funktionsweise der Uhr und ihres Werkes zu verstehen, die Spezialwerkzeuge fachgerecht zu benutzen - einen dieser kleinen Schraubenzieher zum Beispiel völlig senkrecht zu halten, erfordert ganz bestimmte Handgriffe - und die Scheu vor der filigranen Technik zu verlieren. "Und noch ehe die was gemerkt haben, haben sie die Uhr komplett zerlegt", freut sich Shawky. Einige bringen Bedenken mit, aber der Ägypter redet ihnen die schnell aus. "Ruhige Hände", das sei schon eine notwendige Voraussetzung. Und natürlich Interesse an den Uhren. Respekt vor der filigranen Technik müsse man schon haben - aber keine Angst.

Hans Jürgen Moritz war "erstaunt, wie stabil diese hauchdünnen Metallscheibchen sind und wie robust man die anfassen kann". Verheddert sich doch einer oder verzweifelt mal an einer widerspenstigen Uhrfeder, serviert Shawky Bonbons oder Tee. Das beruhigt.

Seine Werkstatt wird dem Wort gerecht. In halb aufgezogenen Holzschubladen lagern Werkzeuge, in "Sichtlagerkästchen" aus Kunststoff Armbänder, Schräubchen und Zahnräder, überall liegen Armbanduhren, stehen Wecker, sogar Wand- und Standuhren fehlen nicht.

Auf dem Schreibtisch Sprühdosen, Zangen, Tücher, kleine Tüten mit Ersatzteilen, und dazwischen stehen Bilder von Shawkys Enkel und in der Ecke ein Halter voll vergilbter Musik-Kassetten, zentral auf der Arbeitsplatte ist ein roter Schraubstock montiert.

In Shawkys Glasvitrinen lagern schön restaurierte Armbanduhren zum Teil schon vergessener Marken, darunter Namen wie Regent, Haller, Adora oder Pyramid. Lassen sich Ersatzteile bei den Herstellern nicht mehr beschaffen, fertigt er manchmal eigenhändig neue Teile an. Zum Reinigen der Innereien reicht der Meister den Kursteilnehmern einen Pinsel und das so genannte Wundbenzin - das sich auf der Haut sofort verflüchtigt, sobald es angepustet wird. Bleiben Schmutzpartikel hängen, kommen Putzhölzer zum Einsatz. Sogar das diffizile Abheben der Zeiger vom Zifferblatt lehrt Shawky seine Zöglinge.

Sind die Uhren zerlegt und gereinigt, folgt das Zusammensetzen. Kleinste Schrauben müssen bis zu einem bestimmten Punkt zugedreht werden, nicht weiter, Federn wieder eingesetzt und gespannt werden. Deckel drauf, Aufzugskrone rein - dann tickt es hoffentlich wieder. "Sowohl Handwerkliches wie auch viel Theorie habe ich hier gelernt", sagt Antonio Vila. Er lernte, wie Uhrwerke eigentlich funktionieren. Was diese oder jene Feder bewirken. Was eine Hemmung ist. "Ich traue mich heute, jede Uhr zu öffnen und zu reparieren."

Am zweiten Tag des Kurses gibt Shawky jedem eine Armbanduhr, am dritten Tag eine deutlich kleinere mit entsprechend filigraneren Werkteilchen. Auch damit lernen die Teilnehmer umzugehen, sie richtig anzufassen - wie sie es anfangs mit der Taschenuhr eingeübt haben. Am vierten Tag schließlich kann jeder sogar seine private Uhr mitbringen, sie öffnen, zerlegen, säubern und wieder zusammensetzen. "Es war ein tolles Gefühl, zum ersten Mal die eigene Uhr auseinander zu nehmen, anschließend alles wieder richtig einzubauen und dann das Ticken zu hören", sagt Hans Jürgen Moritz

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Er hat nach dem ersten Kurs gleich einen zweiten nachgelegt - die ersten vier Sitzungen widmet Shawky Uhrwerken mit Handaufzug, im zweiten Kurs lehrt er den Umgang mit Automatikwerken, die sich per Schwungmasse selbst aufziehen. Ein "Laie, der allenfalls mal einen Wecker geöffnet hat - das war ich früher", lächelt der 55-jährige Moritz. Heute geht er zu Uhren-Sammlermärkten und beurteilt fachmännisch die Angebote. Wie abgenutzt ist das Werk? Hält das Gehäuse dicht? Lohnt die Restauration? Stimmt der Preis?

Auf diesen Märkten wird "viel Schrott angeboten", weiß er. An einem dieser Marktstände lernte er allerdings Shawky kennen, man fand sich sympathisch, und so kam Hans Jürgen Moritz zu seinem ersten Kurs. Später hat er sich Werkzeug, Öle und Lupen für die Do-it-yourself-Uhrmacherei gekauft. Und ist er sich mal unsicher, hilft der Lehrherr jederzeit mit Rat und Tat.

Und es gibt weitere Vorteile: "Durch Shawky habe ich letztlich viel Geld gespart", sagt Antonio Vila. Mechanische Uhren warten und pflegen zu lassen ist teuer, aber das machen Vila und Moritz inzwischen selbst. Auf Märkten passiert es Moritz nun gelegentlich, dass ein Verkäufer merkt, dass Moritz etwas von Uhren versteht, und - paradoxerweise - einen höheren Preis herausschlagen will. "Weil der glaubt, ich sei Händler und wolle unbedingt diese spezielle Uhr haben", lacht Moritz. Er weiß, dass er ein Luxusproblem hat.

Quelle: Handelsblatt

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