Siemens ändert die Strategie und sucht nach Partnern
Analyse: Ohne Kooperationen überlebt nur Nokia

Der Siemens-Konzern vollzieht eine strategische Kehrtwende. Zum ersten Mal hat der in der Zentrale für das Kommunikationsgeschäft zuständige Vorstand Volker Jung bestätigt, dass der Konzern Partner für die Handyabteilung sucht. Bisher hatte Siemens-Chef Heinrich von Pierer die Mobilfunksparte stets zur Kernkompetenz erklärt und Berichte über mögliche Kooperationen als pure Spekulation abgetan.

Lediglich einen Teil der Handyfertigung hatte Siemens wie andere Konkurrenten auch an Auftragsfertiger abgegeben. Entwicklung, Produktion und Marketing der Geräte sollten aber unter der Kontrolle der Münchener bleiben.

Jetzt sieht dies der Vorstand offenbar anders. Unter dem Druck des immer härter werdenden Wettbewerbs und angesichts der roten Zahlen spricht Siemens gleich mit mehreren möglichen Partnern. Damit geben die Münchener ihre ehrgeizigen Hoffnungen auf, alleine auf eine rentable Größe zu kommen. So leicht wie im vergangenen Jahr lassen sich Handys nicht mehr absetzen. Da wuchs der Weltmarkt im Rausch von Internet und Neuen Medien um 50 Prozent, in Deutschland verdoppelte der Markt sich sogar. Doch jetzt ist Katerstimmung eingekehrt. Die gerade veröffentlichten Zahlen für das dritte Quartal zeigen ein Minus von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für dieses Jahr erwarten die Marktforscher bestenfalls eine Stagnation.

Der Markt ist in Europa weitgehend gesättigt, zudem fehlen neue attraktive Handys, die Kunden zum Kauf neuer Telefone animieren könnten. Die lange angekündigten Handys nach dem neuen Mobilfunkstandard GPRS, mit dem Daten wesentlich schneller übertragen werden können, kommen erst jetzt in die Läden. UMTS dürfte erst im Jahr 2003 ein Geschäft für die Handyindustrie werden, falls sich der Start nicht erneut verzögert.

Angesichts dieser verschlechterten Marktbedingungen schreiben bis auf Nokia alle großen Hersteller rote Zahlen, obwohl sie die Kapazitäten bereits kräftig gekürzt und Arbeitsplätze gestrichen haben. Nur Nokia traut auch Siemens-Vorstand Jung zu, ohne Partner über die Runden zu kommen. Die Finnen dominieren mit 33 Prozent Marktanteil derartig den Wettbewerb, dass sie alleine die hohen Kosten für Entwicklung, Fertigung und Marketing der Handys finanzieren können. Allerdings sind auch bei ihnen die Margen gesunken.

Die anderen Hersteller werden sich an die veränderte Situation anpassen müssen oder haben dies bereits getan. Am weitesten sind Ericsson und Sony gegangen. Sie haben zum ersten Oktober dieses Jahres ihr gesamtes Handygeschäft in eine gemeinsame Firma eingebracht, was ihnen von Seiten der Analysten viel Lob eingebracht hat. Bosch dagegen ist völlig ausgestiegen, als man erkannte, dass es zu einer rentablen Größe nicht reichen würde. Anbieter wie Philips oder Alcatel haben zumindest die eigenen Bänder gestoppt und die Produktion an Fertigungsspezialisten wie Flextronics ausgelagert. Analysten bezweifeln, dass dies auf Dauer reichen wird, um rote Zahlen zu vermeiden.

Bei Siemens wird schon lange über eine Kooperation mit anderen Herstellern spekuliert. Denn sie würde durchaus Sinn machen. Der Konzern, in der aktuellen Rangliste der größten Produzenten gerade vom vierten auf den fünften Platz zurückgefallen, ist zu stark auf Europa und neuerdings China konzentriert, um sich dauerhaft in der Liste der Gewinner halten zu können. Eine Kooperation mit Motorola, der weltweiten Nummer zwei, würde regional Siemens große Vorteile bringen, denn die Münchener haben den wichtigen US-Markt erst jetzt betreten und benötigen eine teure Marketing-Kampagne, um die Marke Siemens in den USA überhaupt bekannt zu machen. Ob die Amerikaner Siemens als Partner benötigen, ist dagegen die Frage. Motorola macht zwar auch mit Handys Verluste, holt aber Marktanteile auf und ist besonders in der neuen Mobilfunktechnologie GPRS gut positioniert.

Deshalb tippen die Auguren auch eher auf einen Japaner wie Toshiba, Panasonic oder NEC als möglichen Partner. Die Japaner drängen auf den europäischen Markt, wären also regional eine gute Ergänzung. Zudem sind sie technologisch in der kommenden dritten Generation des Mobilfunks bereits weiter als die Europäer und könnten auch bei Technologien wie Displays oder Batterien einiges einbringen. Mit Toshiba kooperiert Siemens bereits bei der Entwicklung von UMTS-Handys, mit NEC bei den Netzwerken für den Mobilfunk. Möglich wäre auch, dass Siemens den Handy-Bereich ganz aufgibt. Schließlich ist er im großen Investitionsgüterkonzern ohnehin ein Fremdkörper. Alle anderen konsumnahen Bereiche wie Unterhaltungselektronik hat Siemens bereits aufgegeben oder wie die Hausgeräte in Joint Ventures untergebracht.

Viele Hersteller haben die eigene Fertigung bereits aufgegeben.

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