Siemens als Technologiepartner mit im Boot – Finanzierung steht noch nicht
Edler Stahl aus der Boutique

Ein deutscher Unternehmer will mit einem österreichischen Partner in Australien für eine halbe Milliarde Euro ein neues Werk für Spezial- und rostfreien Stahl bauen. Dabei soll eine bisher noch nicht erprobte Technik zum Einsatz kommen. Experten beurteilen die Erfolgschancen des Projektes skeptisch.

DÜSSELDORF. Peter Wallner kann es kaum erwarten. "Wenn alles nach Plan läuft, werden wir 2005 die erste Tonne Edelstahl im Hunter Valley schmelzen", sagt der aus Deutschland stammende Vorstandschef der australischen Boulder Steel. Nichts, so scheint es, kann ihn von seinem kühnen Vorhaben abbringen. Gemeinsam mit einem österreichischen Partner will er für 450 Mill. Euro in Australien das erste "Boutique"-Stahlwerk bauen.

Bereits im Juni 2001 hatte Wallner Siemens einen Auftrag erteilt. Für 285 Mill. Euro sollte der Münchener Konzern Systeme für die Automatisierung und die Energieversorgung der neuen Hütte 150 km nördlich von Sydney liefern. Doch Wallner und Siemens hatten zwei Punkte nicht bedacht: Die börsennotierte Boulder Steel mit ihren 50 Mitarbeitern hat bis heute keine einzige Tonne Stahl erzeugt. Zweitens: Das Stahlwerk ist eine Neuentwicklung. Noch ist nirgendwo auf der Welt eine solche Anlage in Betrieb. Banken und Investoren gaben wegen zu hoher Risiken kein Geld.

Mit der österreichischen Breitenfeld Edelstahl AG, die die Betriebsführung der Stahlboutique übernimmt, ist Wallner überzeugt, habe er nun einen kompetenten Partner mit im Boot. In Branchenkreisen gilt das Ministahlwerk aus der Steiermark mit 110 000 Tonnen Kapazität als technologisch führend.

Nun aber eröffnet sich eine neue Perspektive: Boulder garantiert Breitenfeld, jährlich 20 000 Tonnen Edelstahl für Kunden in Australien abzunehmen. Ein Markt, der für die Österreicher bislang unerreichbar war. In einem ersten Schritt wollen die Partner bis Ende Februar eine Überkreuzbeteiligung eingehen. Eine Vollfusion ist bis Mitte 2003 geplant, sobald die Finanzierung der neuen Hütte steht. Einen Großteil des Eigenkapitals von 200 Mill. Euro bringen Boulder und Breitenfeld als Sacheinlage ein, der Rest soll über die Börse oder über Risikokapitalgeber hereinkommen. Ein noch nicht komplettes Konsortium unter Führung der australischen Westpac Institutional Bank soll Kredite über 250 Mill. Euro bereitstellen. Die Verhandlungen mit den Banken verliefen vielversprechend.

240 000 Tonnen Spezialstahl, sagt Wallner, wolle er im Hunter Valley - eigentlich eine Weingegend - pro Jahr produzieren, Stäbe und nahtlose Rohre mit Durchmessern von bis zu 12 cm. Weltweit würden von diesen Produkten jährlich nur 2,4 Mill. Tonnen erzeugt. Seine künftigen Kunden in Australien, Automobilhersteller und Bergbauunternehmen, seien im Moment noch ganz auf Importe angewiesen. Wegen der günstigen Infrastruktur und einem Strompreis von nur 1,5 Cent pro Kilowattstunde erwartet Wallner "einen Kostenvorteil von 15 bis 20 % gegenüber dem Weltmarkt". Bob Carr, Ministerpräsident des Bundesstaates New South Wales, unterstützt das Projekt. Er hat vor allem neue Jobs - 350 im Stahlwerk und 2 000 weitere bei den Zulieferern - im Auge.

Theoretisch könnten Boulder und Breitenfeld ihre gesamte Jahresproduktion in Australien vermarkten. Knapp ein Drittel ist jedoch für den Export vorgesehen, vor allem nach China und Nordamerika. Hierin liegt nach Ansicht eines Branchenkenners ein Problem. "Wichtiger als niedrige Produktionskosten ist ein schlagkräftiger Vertrieb." Eine teure Verkaufsorganisation könnten sich aber nur Edelstahlriesen wie Böhler-Uddeholm, Sandvik oder Thyssen-Krupp leisten.

Vorbehalte bestehen auch gegenüber dem Boutique-Stahlwerk. Zwar könne das Werk selbst kleine Mengen kostengünstiger und mit deutlich kürzeren Lieferzeiten produzieren als konventionelle Hütten. Aber außer Boulder traut sich bisher kein Stahlhersteller, diese Technologie einzusetzen.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
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