Siemens-Entwickler für den Deutschen Zukunftspreis nominiert
Computertomograph liefert Bilder vom schlagenden Herz

Ein neuer Computertomograph untersucht schonend Erkrankungen am Herzen und macht so viele operative Eingriffe unnötig. Bislang muss oft ein Katheter gesetzt werden, was mit Risiken für den Patienten verbunden ist. Die Entwickler der neuen Technologie wurden jetzt für den Deutschen Zukunftspreis nominiert.

Für Herzuntersuchungen muss jetzt nicht mehr zwingend ein Katheter ins Herz eindringen. Bilder der Herzkranzgefäße können nun auch mit einem neuen Computertomographen (CT) aufgenommen werden. So kann die Zahl risikoreicher Eingriffe erheblich reduziert werden. Die Entwickler des CT, Bernd Ohnesorge, Thomas Flohr und Richard Hausmann von Siemens Medical Solutions in Forchheim, sind für den Deutschen Zukunftspreis nominiert, der am 3. Dezember vom Bundespräsidenten verliehen wird.

Bislang war eine Abbildung des Herzens per CT nicht möglich, da sich das Organ zu schnell bewegt. Das neue Gerät schafft es jedoch, in einem Sekundenbruchteil scharfe Aufnahmen zu machen. "Uns ist es gelungen, das sich bewegende Herz praktisch wie eingefroren darzustellen", sagt Thomas Flohr. In den Anfängen der Computertomographie dauerte die Aufnahme eines Bildes etwa acht Minuten. "Uns reicht inzwischen eine Datenmenge, die in 100 Millisekunden aufgenommen wurde, um ein Bild mit voller Qualität zu erhalten", erklärt Flohr.

16 Schnittbilder pro Umdrehung

"Diese neue CT-Generation stellt tatsächlich einen Quantensprung für die Herzdiagnostik dar", sagt Dietbert Hahn, Direktor des Instituts für Röntgendiagnostik an der Universität Würzburg. Auf diesem Feld hätten die Deutschen die Nase vorn. Derartige Geräte bieten nur noch General Electric, Toshiba und Philips an. Wobei sich Philips der Siemens-Technik bedient, diese aber mit einer anderen Auswertungssoftware ausstattet.

Das Siemens-System nimmt pro Umdrehung bis zu 16 Schnittbilder auf. Sehr schnelle und präzise Bildaufnahme- und-berechnungstechniken wandeln die Daten in hochauflösende 3D-Bilder um, womit die Bewegung des Herzens praktisch eingefroren wird. Einzige Bedingung: Der Patient muss für 15 Sekunden die Luft anhalten, um Unschärfen durch die Bewegung des Brustkorbs zu vermeiden.

Mit dem CT können sogar Engstellen und Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen festgestellt werden. "Im Unterschied zur Herzkatheteruntersuchung, die ausschließlich die Beurteilung des Gefäßinnenraums ermöglicht, wird nun ein Blick in die Gefäßwand möglich, in der sich gefährliche Ablagerungen bilden können", sagt Projektsprecher Bernd Ohnesorge. "Dafür gibt es zurzeit keine vernünftige invasive Methode."

Ablagerungen in Gefäßen werden sichtbar

Ganz überflüssig werden Eingriffe durch die neue Technologie aber nicht, sagt Röntgendiagnostiker Hahn: "Deutschland ist bei Herzkatheteruntersuchungen weltweit Spitze. Doch 30 Prozent der Untersuchungen liefern einen unauffälligen Befund. Dieses Drittel müsste man, um Risiken und Kosten zu minimieren, vorher herausfiltern", sagt Hahn. Das könne ein CT leisten. Die Kosteneinsparungen seien bei sieben Millionen Herzuntersuchungen - allein in diesem Jahr - enorm. Ein Eingriff mit Katheter kostet zwischen 1 200 und 1 500 Euro, eine CT-Untersuchung hingegen nur 250 Euro. Hinzu kommt, dass die Kathetermethode personalintensiv ist und stationär durchgeführt wird. Das Herz-CT erfolgt ambulant.

Die Technik, mit der das Siemens-Team den Zukunftspreis gewinnen könnte, wird bereits eingesetzt. Das so genannte "Multischicht Spiral CT" wurde weltweit schon 120-mal verkauft - in Deutschland an die Unikliniken in München-Großhadern, Tübingen und Erlangen sowie an große Herzzentren wie Berlin und München. Siemens stellt zurzeit 20 bis 30 Geräte monatlich her. Der Anschaffungspreis liegt bei etwa einer Million Euro. Laut Projektleiter Ohnesorge liegt der CT-Markt in der Herzdiagnostik bei jährlich 150 Geräten.

Siemens Medical Solutions arbeitet jetzt daran, neue Einsatzgebiete für den CT zu finden. In Frage kommen etwa die Untersuchung der Herzkammern, aber auch die Analyse des Zustands von Schlagadern des Schädels. Ziel all dieser Anstrengungen ist, eine Methode zu finden, mit der in einem Durchgang alle Herzfunktionen überprüft werden. Dann könnten Computer nicht nur Bilder liefern, sondern auch Diagnosevorschläge machen.

Zum ersten Mal wurde auch ein Frauenteam für den Zukunftspreis nominiert. Am Mittwoch, 20.11.02 berichten wir an dieser Stelle über den Meilenstein, den zwei Forscherinnen der Uni Düsseldorf auf dem Weg zur sanften Chemie gesetzt haben.

DEUTSCHER ZUKUNFTSPREIS.

Mit dem Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten werden in jedem Jahr hervorragende technische Innovationen ausgezeichnet. Der bedeutendste Technikpreis in der Bundesrepublik ist mit 250 000 Euro dotiert. Er wurde erstmals 1997 verliehen. Ziel ist es, erfolgreiche technische und wissenschaftliche Spitzenleistungen stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Eine Jury mit Fachleuten aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft bewertet die vorgeschlagenen Projekte vor allem auch nach ihrer Marktfähigkeit. Bis zur Verleihung am 3. Dezember stellt das Handelsblatt auf der Fortschritt- Seite die vier nominierten Forscher bzw. Forscherteams vor.

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