Siemens tief in den roten Zahlen
Kommentar: Harter Kurs

Schlechte Nachrichten präsentierte gestern der erfolgsverwöhnte Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Im letzten Quartal ist der Münchener High-Tech-Konzern überraschend tief in die roten Zahlen gerutscht. Noch schlimmer: Für das gesamte Geschäftsjahr 2000/01, das am 30. September endet, wird jetzt mit einem Gewinnrückgang gerechnet. Noch im Frühjahr hatte von Pierer zweistellige Zuwachsraten beim Gewinn versprochen.

Von Pierer ist unter Druck. Im vergangenen Jahr waren endlich einmal alle Siemens-Bereiche im Plus. Jetzt gibt es wieder vier Verlustbringer, die schnell wieder fit gemacht werden müssen. Der Siemens-Chef steht vor seiner größten Herausforderung seit der tiefen Krise vor drei Jahren. Damals, 1998, schlüpfte von Pierer angesichts von Milliardenverlusten im Chipgeschäft erstmals in die Rolle des Sanierers und legte ein inzwischen legendäres Zehn-Punkte-Programm auf. Der Chipkonzern Infineon und der Bauelemente-Hersteller Epcos wurden mit Erfolg an die Börse gebracht.

Gestern bewies von Pierer erneut, dass er gerade in der Krise Stärke zeigt. Denn angesichts der tiefroten Zahlen gab er sich optimistisch und kampfeslustig. "Es gibt keine Tabus mehr", drohte er in ungewohnter Schärfe. Weitere Verkäufe von Unternehmensteilen schließt er nicht aus, vor personellen Konsequenzen schreckt er nicht zurück. Der für das defizitäre Netzwerk-Geschäft verantwortliche Vorstand musste gestern gehen. Dazu kommt eine Verschärfung des Sparkurses mit neuen Entlassungen und Einsparungen in Milliardenhöhe. Das machte Eindruck: Die Siemens-Aktie, zuletzt arg unter Druck, ging gestern trotz des horrend hohen Verlustes deutlich nach oben. Die Märkte honorieren den harten Kurs Pierers.

Von Pierer und seine Mannschaft haben zuletzt bewiesen, dass sie sanieren können. So wurden in den vergangenen drei Jahren die Sorgenkinder Medizintechnik, Verkehrstechnik und Kraftwerksbau von Grund auf umgebaut und wieder auf Gewinnkurs gebracht. Milliardenaufträge wurden an Land gezogen. Von Pierer kann darauf zu Recht stolz sein. Inzwischen stabilisieren die drei Bereiche der so genannten "Old Economy" die Entwicklung des Konzerns.

Trotzdem bleibt für manchen Anleger nach den tiefroten Quartalszahlen von gestern ein schaler Nachgeschmack. Denn die hohen Verluste kamen auch für die Experten ziemlich überraschend. Mancher fragt sich, ob der Siemens-Chef die Anleger nicht schon früher hätte warnen müssen. Schon allein die Kosten von fast 800 Millionen Euro für Mitarbeiterabbau und Restrukturierung wurden wahrscheinlich nicht erst in dieser Woche ausgerechnet. Die Siemens-Tochter Infineon beispielsweise gab wenige Wochen vor den Quartalszahlen angesichts der drastischen Marktverschlechterung bereits eine so genannte Gewinnwarnung ab.

Das gilt umso mehr vor dem Hintergrund, dass sich der bayerische Weltkonzern immer stärker an den internationalen Kapitalmärkten orientiert. Bereiche, die ihre Kapitalkosten nicht erwirtschaften, können inzwischen nicht mehr mit viel Geduld rechnen - auch in einer schwachen Konjunktur. Zuletzt wurden sogar die mittelfristigen Margenvorgaben für die Geschäftsfelder öffentlich gemacht, um den Druck zu erhöhen.

Von Pierer treibt auch persönlicher Ehrgeiz. Das Ende der Amtszeit des 61-Jährigen ist in Sicht. Sein Vertrag läuft noch bis 2004. Bis dahin soll der Konzern natürlich wieder auf der Erfolgsspur sein. Wer von Pierer kennt, der weiß, dass er sich mit einer goldenen Bilanz verabschieden will.

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