Sigmar Gabriel
Unsanfte Bauchlandung

Die SPD entwickelt eine gewisse Expertise darin, ihre Bundesminister abzuwatschen: Nachdem in den vergangenen Wochen Vizekanzler Franz Müntefering, Außenminister Frank Steinmeier-Walter und Peer Steinbrück mit parteiinterner Kritik zu kämpfen hatten, hat es Bundesumweltminister Sigmar Gabriel erwischt.

BERLIN. Dabei hatte der 48-jährige Niedersachse noch hoffnungsvoll gestrahlt, als der SPD-Bundesvorstand im Willy-Brandt-Haus in Berlin zusammentrat, um ein neues Präsidium zu wählen. Doch am Ende zeigte Gabriel ein betretenes Gesicht: Dem erweiterten 16-köpfigen neuen Präsidium wird er nicht angehören - obwohl sich SPD-Chef Kurt Beck für ihn eingesetzt hatte. Denn der Umweltminister erhielt bei der Wahl nur 16 von 42 Stimmen im Parteivorstand. Das reichte zum elften Platz - von elf Kandidaten. Aber nur zehn Sozialdemokraten rückten ins Präsidium ein, dem neben Beck die drei Stellvertreter, Generalsekretär und die Schatzmeisterin angehören.

Für den ehrgeizigen Umweltminister ist dies ein schmerzlicher Dämpfer in seiner Karriere. Denn der frühere niedersächsische Ministerpräsident sieht sich durchaus als Hoffnungsträger. Und auch vielen Beobachtern gilt der Wortgewaltige als einer der Kandidaten für die Nachfolge Peters Strucks als SPD-Fraktionsvorsitzender. Parteiintern aber ist Gabriel umstritten, und das hat ihm nun nicht zum ersten Mal eine Niederlage beschert.

Politisch ordnet sich Gabriel den "Reformern" in der SPD zu, die sich bei den Netzwerkern und im Seeheimer Kreis organisieren. Prompt machten Verschwörungstheorien die Runde. Gabriel, heißt es nun, sei ein Opfer der "Linken" geworden. Politiker vom linken SPD-Flügel hatten schließlich schon mehrfach Prinzipienlosigkeit bei Gabriel kritisiert. Und hatten sich die linken Parteivorstandsmitglieder nicht getroffen, um ihr Wahlverhalten abzustimmen? Und hatte mit dem Europapolitiker Martin Schulz nicht noch ein weiterer "Netzwerker" ein schlechtes Ergebnis erzielt?

Ob allerdings die Linke in der SPD bei der Präsidiumswahl wirklich erneut ihre Macht demonstrieren wollte, ist umstritten. Den Frauen im Parteivorstand sei es vielmehr darum gegangen, dass sie die Hälfte im Präsidium stellen, heißt es - da sei eben ein SPD-Mann zu viel gewesen. Und Gabriel habe mit Blick auf sein Ministeramt seine Wahl zu sehr als Selbstläufer gesehen - ein Fehler in einer Partei, die den eigenen Ministern eher misstraut, als sie feiert.

Tatsächlich wäre es nicht das erste Mal, dass Übermut den Mann aus Goslar ins Stolpern bringt. So hatte Gabriel als niedersächsischer Ministerpräsident die Landtagswahlen 2003 auch deshalb verloren, weil er sich übermütig gegen den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder profilieren wollte - der ihm prompt die Unterstützung entzog. Und auf dem Hamburger SPD-Parteitag Ende Oktober schaffte es Gabriel zwar, im ersten Wahlgang in den SPD-Parteivorstand gewählt zu werden. Aber dies war bereits sein zweiter Anlauf gewesen.

Eine Blamage ist die Präsidiumswahl allerdings nicht nur für Gabriel, sondern auch für SPD-Chef Beck. Gerade erst war dieser auf dem Hamburger Parteitag mit Rekordergebnis gewählt worden. Jetzt wollte Beck die Neuordnung der Parteispitze erfolgreich in seinem Sinne abschließen. Doch nun wird seine gerade erst gewonnene Autorität schon wieder unterlaufen. Ärgerlich wischt Beck die Einschätzung vom Tisch, Gabriels Scheiten sei eine schwere Panne oder eine "Retourkutsche" gewesen, weil die Parteilinke Andrea Nahles bei der Wahl zur stellvertretenden Parteichefin in Hamburg das schlechteste Ergebnis bekommen habe. Das Resultat sei vielmehr eine "gewollte" Stärkung der Frauen im Präsidium.

Den ehrgeizigen Gabriel wird dies nicht trösten. Aber immerhin darf er als Bundesminister an den Sitzungen des SPD-Präsidiums teilnehmen.

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