Sind erste Risse zu erkennen?
Gerüchte um Putsch innerhalb des Taliban-Regimes

Die Aussicht scheint verlockend: Die Taliban in Afghanistan brechen nach den US-Angriffen nicht zusammen, sondern es kommt zu einem Umsturz. Als Putschisten hat die Gerüchteküche schon den als relativ liberal geltenden Taliban-Außenminister Wakil Ahmed Mutawakil ausgemacht.

dpa ISLAMABAD. Der liefert Osama bin Laden aus, reformiert die Taliban zu einem milden Regime und arbeitet mit dem Westen zusammen. "Für die USA wäre das der einfachste Ausweg, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass es so kommt", meint ein Diplomat in Islamabad.

Eine Rebellion Mutawakils würde viele Probleme auf einmal lösen: Erstens wollen die USA Bin Laden. Nur die Taliban wissen zurzeit, wo er ist, nur sie könnten ihn also rasch ausliefern. Ein geläutertes Taliban-Regime, das Afghanistan militärisch noch im Griff hätte, könnte zweitens die Sicherheit von Hilfstransporten garantieren. Die müssen nach Expertenansicht sofort beginnen, um eine Hungersnot im Winter zu verhindern. Und schließlich erscheinen die Milizenchefs in der Nordallianz nicht als glaubwürdige Alternative zu den Taliban.

Eine plötzlich umgekrempelte und dem Westen freundlich gesonnene Taliban-Führung wäre eine sehr viel einfachere Lösung. Die Gerüchte um Mutawakil, der angeblich sogar schon geheime Verhandlungen geführt haben soll, überschlugen sich deshalb in den vergangenen Tagen.

Tatsächlich gibt es schon lange Risse im Taliban-Regime. Es gibt sogar Widerstandsgruppen, unter Studenten an der Universität von Kabul zum Beispiel. "Wir sind auch Moslems, aber die Taliban sind uns zu extrem", sagt Massud, ein Jura-Student, der bei einer solchen Gruppe mitarbeitete und vor zwei Wochen nach Pakistan floh.

"Ich will, dass meine Schwester zur Schule gehen kann, deshalb bin ich gegen die Taliban", sagt Massud. Dass Frauen ohne Schleier und Männer ohne Bart auf offener Straße verprügelt werden, macht die Taliban-Polizei verhasst. Die Gruppen seien aber klein, sagt Massud: "Sie können wenig tun, niemand kann dem anderen trauen." Mutawakil galt den Studenten schon lange als mögliche Alternative.

Im Taliban-Regime hat Mutawakil (33) aber wenig zu sagen. Er galt als treuer Gefolgsmann von Taliban-Anführer Mullah Mohammed Omar, als er 1999 Außenminister wurde. Er fiel auf, weil er das Foto-Verbot des Regimes unterlief und TV-Interviews gab. "Ich mag nicht fotografiert werden, aber in meinem Amt muss es sein", sagte Mutawakil.

Sein Ministerium versuchte, professionell mit ausländischen Journalisten umzugehen. Aber er gab dem Druck seiner Führung nach und entließ alle Übersetzer, meist Studenten, die den Ausländern an die Seite gestellt wurden, und ersetzte sie durch regimetreue Spitzel. Gegen die Schikanen der Sittenpolizei - Journalisten durften keine Frauen interviewen, niemanden zu Hause besuchen, keine Menschen fotografieren - konnte auch Mutawakil nichts ausrichten.

Seit Anfang des Jahres wurde seine Position immer schwächer. Die Hardliner unter den Taliban provozierten die Welt, zum Beispiel durch die Zerstörung der monumentalen Buddha-Statuen von Bamian. Mutawakil verteidigte das, möglicherweise unfreiwillig. "Warum regt ihr euch auf im Westen, ihr seid doch Christen, keine Buddhisten", sagte er.

Mutawakil gilt dennoch als Beispiel dafür, dass es auch liberalere Kräfte unter den Taliban gibt. Dass er die Macht hätte, Omar zu stürzen und das Regime zu reformieren, glaubt aber kaum jemand. "Wenn Omar entmachtet wird, gibt es keinen ebenso mächtigen Nachfolger. Die Taliban werden sich dann aufsplittern und keine einheitliche Macht mehr sein", sagt der Student Massud voraus.

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