Sinkende Fluggastzahl in Deutschland
Billige Rivalen machen Marken-Airlines zu schaffen

Die großen Luftfahrtkonzerne kommen nicht vom Fleck. Gebremstes Wirtschaftswachstum und scharfe Konkurrenz durch die jungen Billigflieger verhageln auf absehbare Zeit das Geschäft.

PHOENIX. Die Konzerne rechnen nicht damit, dass sich ihre Geschäfte nach den Rekordverlusten im Jahr 2001 schnell erholen. "Das ist kein kurzfristiges Problem. Es wird noch eine ganze Weile Druck auf die Kapazitäten geben", sagte Larry Kellner, President von Continental Airlines, auf einer Luftfahrt-Tagung in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona.

Zumindest für die nahe Zukunft herrscht Pessimismus: "Nur das Reduzieren der Kosten kann die strukturellen Probleme der Fluggesellschaften lösen", sagte Chris Tarry, Airline-Analyst der Commerzbank. Das aber versuchen die Unternehmen schon seit vielen Jahren - zumeist vergebens.

So seien die jüngsten Produktivitätsfortschritte vor allem in höhere Pilotengehälter und niedrigere Ticketpreise geflossen, bemängelte Jeff Brundage, Personalchef der größten US-Fluglinie American Airlines. Das verschärft die Schieflage - und neue Schwierigkeiten stehen im Raum. Harvard-Professor Michael E. Levine, einer der renommiertesten Kenner der Branche, sieht "massive Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften" auf die Unternehmen zukommen. United Airlines etwa ringt seit Monaten vergeblich um einen Kompromiss mit den Beschäftigten, um die enorm hohen Personalkosten zu verringern.

Hinzu kommt die stramm wachsende Konkurrenz der Billig-Airlines, die im Gegensatz zu den traditionellen Anbietern kein kompliziertes Linien-System aufrecht erhalten. Ohne aufgeblähte Apparate arbeiten Firmen wie Easyjet und Ryanair im Stil von Start-Up-Unternehmen. "Es ist ein großer Vorteil, auf einem weißen Blatt Papier anzufangen, und vorher zuzuschauen, was die Konkurrenz richtig und falsch macht", sagte Jetblue-Vorstand Dave Barger. Der US-Börsenneuling konnte im ersten Quartal 2002 seine Jets zu 85 % auslasten.

Billig-Boom

Der Billig-Boom geht einher mit dem Trend vieler Business-Class-Passagiere, sich via Internet nach günstigen Tickets umzuschauen, berichtet Betsy Snyder, Analystin bei Standard & Poor?s. In Zeiten schwacher Konjunktur ist das zwar nicht ungewöhnlich, doch wächst in der Branche die Sorge, dass höhere Ticketpreise bis auf weiteres nicht mehr durchsetzbar sind. Die Preiserhöhungen im Boom am Ende der 90er-Jahre hätten zu einer Seifenblase bei Geschäftsreisen-Sektor geführt, sagte Analyst James Higgins von Credit Suisse First Boston.

Die Airline-Branche zeigt sich deshalb äußerst besorgt. "Das ist kein normaler Zyklus, sondern ein struktureller Wandel", betonte American-Personalchef Jeff Brundage. Sein Kollege Levine empfiehlt den großen Airlines, unprofitable Strecken zügig aufzugeben. Der stellvertretende Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber dagegen glaubt an die Chancen seiner Industrie. Die USA beweise, welches Potenzial weiterhin in der Luftverkehrsindustrie stecke. Dort würden mit 5 % der Weltbevölkerung 40 % des Welt-Luftverkehrs abgewickelt. Potenzial sieht der designierte Nachfolger von Vorstandschef Jürgen Weber vor allem in Asien und Osteuropa. Das deutsche Geschäft jedoch schwächelt, die Zahl der Passagiere, die von Deutschland ins Ausland flogen, ist im ersten Quartal 2002 um 5 % auf 9,4 Mill. zurückgegangen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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