Sinkende Preise für patentfreie Medikamente treffen kleinere Hersteller härter als die Großkonzerne
Fusionsdruck auf Pharmafirmen steigt

Zwischen großen Arzneimittelkonzernen auf der einen und der Gesundheitspolitik auf der anderen Seite wird der pharmazeutische Mittelstand in Deutschland zusehends aufgerieben. Vielen Unternehmen fehlt die Finanzkraft für neue Produkte. Die Branche rechnet daher mit einer Konzentrationswelle.

Den rund 300 kleinen und mittelgroßen Pharmafirmen in Deutschland droht ein neuer Schub in der Konsolidierung. Den Anstoß dazu werden nach Ansicht von Experten unter anderem die jüngsten Maßnahmen zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen sowie die Pläne der neuen Regierung geben. Denn mit dem Ziel, den Anstieg der Arzneimittelausgaben bei den Krankenkassen zu bremsen, wird nach Branchenangaben in Berlin unter anderem über neue Zwangsrabatte sowie über die Einführung einer weiteren Zulassungsinstitution diskutiert, die Medikamente auf ihre Wirtschaftlichkeit hin überprüfen soll.

Mittelstand stärker betroffen

Beide Maßnahmen würden den Mittelstand stärker treffen als die international aufgestellten Konzerne. Das gilt auch für die im Juli eingeführte Aut-Idem-Regelung. Sie hat zwar nicht verhindert, dass die Arzneimittelausgaben und damit die Umsätze der Pharmabranche in Deutschland bis Ende September um 8,5 % zulegten. Die Preise bei patentfreien Medikamenten sind jedoch unter dem Einfluss der neuen Regel und einer bereits zu Jahresbeginn verfügten Senkung der so genannten Festbeträge um rund 4 % gesunken.

Die Festbeträge legen eine Obergrenze für die Kostenerstattung bei den meisten patentfreien Medikamenten fest. Zusätzlich verpflichtet die Aut-Idem-Regel die Apotheker dazu, jeweils eines der preiswertesten Medikamente mit dem verordneten Wirkstoff abzugeben. Dies wiederum veranlasste Pharmahersteller bereits auf breiter Front dazu, zur Jahresmitte ihre Preise bei den betroffenen Präparaten zu senken.

Während die meisten der großen international tätigen Pharmakonzerne daraus resultierende Einbußen durch teure, neue Produkte sowie ihr starkes Auslandsgeschäft kompensieren können, sind kleinere Unternehmen mit hohem Inlandsanteil wesentlich stärker betroffen. "Wenn der Markt auf diese Weise zusammengedrückt wird, dann muss es zwangsläufig eine Auslese geben", fürchtet Peter Walther, Leiter der Abteilung Grundsatzfragen beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Jochen Hückmann, Chef des Frankfurter Familienunternehmens Merz, geht davon aus, dass es eine "deutliche Bereinigung geben wird - sowohl bei den Generikafirmen als auch bei Originalherstellern".

Größere Umstrukturierungen erforderlich

Bislang ist davon noch relativ wenig zu sehen. Zwar waren in den vergangenen beiden Jahren etliche Firmen, darunter zum Beispiel die Madaus-Gruppe und die Berliner Lichtwer Pharma AG, zu größeren Umstrukturierungen gezwungen. Übernahmen, Fusionen oder Insolvenzen unter den kleinen und mittelgroßen Pharmaunternehmen in Deutschland blieben bisher jedoch eher die Ausnahme.

Der Pharma-Mittelstand verbucht nach Daten des BPI derzeit noch ein moderates Wachstum. Er erzielt etwa ein Drittel des Branchenumsatzes und beschäftigt 40 % der rund 115 000 Mitarbeiter in der deutschen Pharmaindustrie. Allerdings befinden sich die Unternehmen tendenziell seit längerem auf dem Rückzug. Weil ihnen die Finanzkraft für grundlegende Innovationen fehlt, müssen sie sich auf enge Marktnischen oder die Weiterentwicklung bekannter Substanzen beschränken. Selbst das könnte künftig noch schwieriger werden. "Den Mittelständlern werden zusehends die Möglichkeiten genommen, neue Produkte zu finanzieren", warnt Pharmaexperte Ingo Köhler vom Unternehmensberater Cap Gemini Ernst & Young.

Hückmann geht davon aus, dass damit bei vielen bewährten und relativ preiswerten Substanzen eine Weiterentwicklung nicht mehr möglich sein wird. Auch dadurch werde sich der Markt zwangsläufig noch stärker zu den teuren innovativen Medikamenten der Großkonzerne verlagern. Diesen Trend bestätigen nicht zuletzt die jüngsten Zahlen der Marktforschungsgruppe IMS. Danach haben auch in diesem Jahr vor allem neue, patentgeschützte Medikamente zum relativ kräftigen Wachstum des Marktes beigetragen.

Weiterer Druck auf die kleinen Hersteller könnte drohen, wenn die Messlatte für kleinere Innovationen (so genannte "Me-too-Produkte") höher gelegt werden sollten. Denn Untersuchungen, um wirtschaftliche Vorteile neuer Medikamente nachzuweisen, können sich derzeit allenfalls einige sehr große Pharmahersteller leisten. Für den Mittelstand sehen viele Experten daher wachsenden Zwang, entweder selbst große Einheiten zu bilden oder stärker mit ausländischen Partner zu kooperieren.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%