Skandal
Mafioses aus der Botschaft

Das breite Lachen ist ihr Markenzeichen. Doch als Micheline Calmy-Rey, Schweizer Außenministerin und Herrin der helvetischen Diplomatie, von den Umtrieben an ihrer Botschaft in Pakistan erfuhr, dürfte ihr Lächeln schlagartig gefroren sein: Von Sex, Schmiergeld und möglichem Menschenschmuggel ist die Rede.

GENF. Die Vertretung der Eidgenossen in dem asiatischen Land sei "Ziel und Opfer von Aktivitäten mafioser Organisationen geworden", heißt es im Bericht einer Untersuchungskommission des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

Calmy-Rey griff durch: Das gesamte Botschaftspersonal verliert seinen Posten - ein bisher einmaliger Vorgang. "Der Fall zeigt, dass die Korruption auch vor Schweizer Vertretungen nicht Halt macht", schrieb die "Neue Luzerner Zeitung". Der Skandal belegt einmal mehr, wie weit das Schweizer Corps diplomatique abgerutscht ist: Rühmten sich die feinen Emissäre einst ihrer Vermittlungen zwischen verfeindeten Ländern, produzieren sie seit Jahren vor allem Pannen, Pleiten und Peinlichkeiten.

In Pakistan haben Mitarbeiter der Visaabteilung der Botschaft Einreisegenehmigungen in das wohlhabende Alpenland verteilt - und von den Antragstellern als Gegenleistung Sex und Bares verlangt. Calmy-Rey spricht von rund 100 Fällen allein im September 2005, auch wenn die Details der Affäre noch im Dunkeln liegen. Mehrere verdächtige pakistanische Botschaftsangehörige sitzen in Haft. Sie beschuldigen Schweizer Diplomaten und Angestellte, Drahtzieher eines Menschenschmuggels gewesen zu sein.

Brave Berner Beamte als geld- und sexbesessene Schlepper? Das geht den Schweizern zu weit. "Die Schweizerische Bundesanwaltschaft ist über die Ergebnisse der Administrativuntersuchung informiert worden", heißt es aus dem EDA. "Da kein hinreichender Verdacht auf eine strafbare Handlung schweizerischen Personals besteht, hat sie jedoch kein Ermittlungsverfahren eröffnet." Allerdings räumt das Ministerium massive organisatorische Schlamperei in Islamabad ein: "Dies erleichterte die Erschleichung von Visa." Botschafter Denis Feldmeyer, sein Vorgänger und der Kanzleichef müssen jetzt ein Disziplinarverfahren erdulden.

Anschuldigungen gegen EDA-Spitzenleute haben unrühmliche Tradition: Schweizer Vertretungen in Oman, Peru, Russland, Nigeria und Serbien sollen ebenfalls im Visahandel aktiv gewesen sein. Ein Vize-Honorarkonsul in Oman sei zu einer Haftstrafe verurteilt worden, berichtet die Schweizerische Depeschenagentur. Der Schweizer Ex-Botschafter in Luxemburg, Peter Friedrich, wanderte 2005 wegen Geldwäsche für Drogenhändler und Urkundenfälschung hinter Gittern. Der Schweizer Botschafter in Bukarest musste vorzeitig in die Berner Zentrale zurück: Er soll der Verführungskunst einer rumänischen Agentin erlegen sein. Sein Kollege in Belgrad verhalf angeblich dem jugoslawischen Diktator Slobodan Milosevic zu Waffen.

Schillernd auch der Fall des Ex-Botschafters in Berlin, Thomas Borer. Zürcher Boulevardblätter hatten eine Kampagne gegen den lebenslustigen Diplomaten und seine attraktive Frau entfesselt - später mussten die Journalisten ihre Behauptungen zurücknehmen. Bern berief Borer ab, der damalige Außenminister Joseph Deiss schrammte knapp am Rücktritt vorbei. Diese Gefahr spürt jetzt auch Micheline Calmy-Rey. Das Lachen ist ihr schon vergangen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%