Skandale können den Olympischen Winterspielen wenig anhaben
Grapscher, Gedopte und Gewinner

Obwohl sich die Politik mal wieder in den Sport einmischte und obwohl Dopingdummheiten nicht ausblieben, war Salt Lake ein Erfolg für Olympia. Vor allem in Deutschland, wo die Erfolge und das Interesse groß waren.

HB DÜSSELDORF. Oh Mann, der arme Kerl war völlig überfordert. Man hatte ihn, den Busfahrer aus dem 2000 Kilometer entfernten Louisiana, zum olympischen Einsatz nach Salt Lake City beordert. Dort sollte er Journalisten vom Flughafen in ihre Hotels fahren. Am Abend des 5. Februar war es noch ruhig, nur ein deutscher Medienvertreter saß in dem 50-sitzigen Gefährt. Der kannte Utahs Hauptstadt genauso wenig wie der Fahrer und die aus Texas stammende Helferin, die - ausgestattet mit einem seltsamen Stadtplan - bei der Hotelsuche mitwirken sollte. Rund zwei Stunden dauerte die Irrfahrt, dann tauchte eine Unterkunft der Travelodge-Kette auf. Aufatmen beim ahnungslosen Trio. An der Rezeption stellte sich dann freilich heraus, dass diese schmuddelige Herberge nicht die gebuchte war. Es gibt drei Travelodges in Salt Lake, und erst ein ortskundiger Taxifahrer sollte das richtige finden. Danke, Driver.

Die bösen Vorahnungen, die nach diesem Erlebnis bezüglich der Organisation der Olympischen Winterspiele unwillkürlich aufkamen, sollten sich später freilich nicht bestätigen. Die 19. Auflage des sportlichen Großereignisses erwies sich sogar als bestens organisiert. Geprägt durch fast immer freundliche Helfer und fast immer sonniges Wetter. Aber auch durch extreme Sicherheitsmaßnahmen, die ungeachtet des 11. September des Vorjahres nicht wenige irgendwann nervten. Durch heftige politische Störfeuer, die irgendwann an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten waren. Und durch Dopingfälle, deren Skurrilität und Dummheit irgendwann nicht mehr zu unterscheiden waren. Danke, ihr aufgeregten Schlagzeilenlieferanten.

Johann Mühlegg war so einer, der Salt Lake City auf seine Weise bereicherte. Erst enteilte der Manipulierte der Konkurrenz und gewann Goldenes, dann flog der Schwindel gegen Ende der Spiele auf. Wäre der seltsame Allgäuer mit spanischem Pass, der sich bis zum König durchlog und später selbst zum "King of Soldier Hollow" ernannte, während der Pressekonferenzen an einen Lügendetektor angeschlossen gewesen, die Ausschläge wären enorm gewesen. Mühleggs Gestottere freilich wirkte bisweilen auch ohne technischen Beweis wie ein Schuldeingeständnis. Der komische Kauz hat bis heute nichts verstanden: Auf seiner Internetseite bezeichnet er sich noch immer als Gewinner von zwei olympischen Goldmedaillen und wünscht "frohe und besinnliche Weihnachtsfeiertage". Danke, Juanito.

Zu Dank verpflichtet sind Journalisten auch dem amerikanischen Präsidenten. George W. Bush sorgte für eine Premiere, als er die traditionelle Formel während der Eröffnungsfeier kurzerhand um eine eigene US-Komponente erweiterte. Für manche ein Skandal, für andere zumindest eine Meldung. Weitaus mehr Zeilen war das so gar nicht elegante Eiskunstlauf-Theater wert. Russen und Franzosen inszenierten Kriminelles und bewiesen, dass diese Sportart mehr als jede andere vom schönen Schein lebt. Ach ja, so manche Nation drohte im Eifer des zunächst sportlichen und dann politischen Gefechts mit vorzeitiger Abreise. Letztlich aber blieben alle bis zum Schluss. Danke, ihr Russen, ihr Südkoreaner und wie ihr alle heißt.

Auch jener traurige freiwillige Helfer, den man in die Curling-Halle entsandt hatte und dies als Höchststrafe empfand, ging nicht vorzeitig. In Deutschland allerdings lockte der Besensport Millionen vor den Fernseher, wie überhaupt das Geschehen am Salzsee in Deutschland ungeahntes Interesse entfachte. Die Medien schafften es sogar, aus zwei einfachen Eisschnellläuferinnen, die sich nicht besonders mögen, zwei Biester zu machen. Der Boulevard grapschte gierig und pflichtbewusst zugleich nach den Brüsten der Anni Friesinger, und die wehrte sich nicht wirklich. Claudia Pechstein spielte derweil den prüden Part, was ihr nacholympisch aber keineswegs schadete. Die einst Unvermarktbare verdient nun ebenso wie Friesinger glänzend in der Werbung. Danke, Bild.

Danke aber auch noch einmal an den Busfahrer aus Louisiana. War schon okay. Hat bei der Suche nach dem verdammten Travelodge ja alles gegeben. Ein wahrer Olympionike.

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