Skandale schrecken Investoren ab
Neuer Markt in tiefer Vertrauenskrise

Am Neuen Markt werden die schlimmsten Befürchtungen wahr: Skandale um Comroad, Ceyoniq und Phenomedia schrecken vor allem institutionelle Investoren ab.

DÜSSELDORF. Vorstände in Untersuchungshaft, gefälschte Bilanzen, Forderungsbetrug. Die Meldungen der letzten Tage belegen: Der Neue Markt steckt wieder einmal in einer tiefen Vertrauenskrise, vielleicht sogar der tiefsten in seiner fünfjährigen Geschichte. Denn die jüngsten Vorgänge um Comroad, Ceyoniq oder Phenomedia übertreffen selbst die Befürchtungen derer, die dem deutschen Wachstumssegment bisher schon skeptisch gegenüberstanden. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die ungezählten Meldungen und Gerüchte über Unternehmen, die auf der Kippe stehen.

Die Schreckensmeldungen vergrößern noch den Schaden für das bereits schlechte Image und haben direkte Auswirkungen auf den Handel. Hier bestimmten bisher wie in jedem so genannten Qualitätssegment die institutionellen Anleger das Geschehen. Etwa 90 Prozent des Handelsvolumens kommt an normalen Tagen von ihnen. Doch die großen Fonds, Versicherungen und Banken finden immer weniger Werte, bei denen ein Einstieg für sie generell sinnvoll erscheint. Zwei Dinge spielen dabei eine Rolle: Erstens ist ein Unternehmen erst ab einer Marktkapitalisierung von mindestens 50 Millionen Euro für Großanleger interessant. Erst dann ist ein problemloser Handel größerer Pakete möglich.

Derzeit bietet zwar noch rund ein Drittel der über 300 Unternehmen des Neuen Marktes diese Möglichkeit, doch beinahe täglich werden es weniger. Hinzu kommt die Kapitalvernichtung in den vergangenen beiden Jahren. Brachte es das deutsche Wachstumssegment in seiner Hochphase im März 2000 noch auf eine Marktkapitalisierung von 234 Milliarden Euro bei 220 Unternehmen, so repräsentieren momentan die 300 Unternehmen noch eine Marktkapitalisierung von 44,6 Milliarden Euro.

Mindestens genauso wichtig wie die nackte Statistik ist die Atmosphäre. Auch den institutionellen Anlegern stellt sich immer häufiger die Frage, wem denn überhaupt noch zu trauen sei. Unternehmenslenker wie der hemdsärmelige Ex-Comroad-Chef Bodo Schnabel oder die seriös wirkenden Ceyoniq-Gründer Thomas Wenzke und Jürgen Brintrup erweckten schließlich jahrelang den Eindruck von Solidität, Marktkenntnis und Führungsqualität. Bis dato mussten Investoren im Wesentlichen zwischen soliden Kaufleuten und "Glücksrittern" unterscheiden, die vor Visionen strotzend irgendwann mit der rauen Realität konfrontiert wurden.

Inzwischen gilt es herauszufinden, bei welchen Firmenlenkern kriminelle Energie im Spiel sein könnte. Zugegeben, Anleger wurden schon in der Vergangenheit getäuscht, was die Fälle Infomatec, Metabox oder CAA belegen. Allerdings wurde hier mit Ad-hoc-Mitteilungen eine falsche Realität vorgegaukelt. Skrupellose Bilanzfälschungen stellen aber eine neue Dimension dar. Weitere Enthüllungen werden nicht lange auf sich warten lassen, und sei es nur, weil die hellhörig gewordenen Wirtschaftsprüfer die Bilanzen künftig noch genauer unter die Lupe nehmen werden.

Zockerbörsen-Image verstärkt

Die Konsequenz: Großinvestoren werden künftig den Neuen Markt als Ganzes noch zurückhaltender betrachten als sie es bislang schon tun. Das Image der "Zockerbörse", die bestenfalls für den hochspekulativen Anleger geeignet ist, wird sich weiter verstärken - sehr zum Schaden Dutzender solider Unternehmen, die zweifellos noch immer am Neuen Markt vertreten sind und eigentlich mehr Beachtung verdient hätten. Auch Emissionskandidaten werden sich künftig zweimal überlegen, ob sie die Kosten des Neuen Marktes zahlen wollen, um sich schließlich dem Negativimage des Segments auszuliefern.

Gefordert ist dabei nun erneut auch die Deutsche Börse. Sie sollte im Interesse der Anleger bei Verstößen umgehender handeln. Nach dem derzeitigen Stand ist beispielsweise Comroad noch bis Mitte Juni im Nemax 50 gelistet. Vor allem sollte sie sich ernsthafter Gedanken darüber machen, wie sinnvoll es ist, in einem Wachstumssegment jedes sechste Unternehmen in einen Auswahlindex zu stecken. Wie werthaltig die Qualität im Nemax 50 ist, haben zuletzt die Fälle Biodata, Heyde oder Fantastic gezeigt. In der Zwischenzeit sollten die Verantwortlichen wenigstens bei Neubesetzungen im Nemax 50 mehr Entscheidungsfreude an den Tag legen. Statt auf Branchenzusammensetzung und Kontinuität zu bauen, ist hartes Durchgreifen gefragt.

Vorbildfunktion könnte dabei - wieder einmal - die US-Technologiebörse Nasdaq haben. Dort bietet der Nasdaq 100 eine extrem komprimierte Auswahl aus den insgesamt etwa 4300 börsennotierten Werten. Obwohl Hunderte von Unternehmen Jahr für Jahr aus dem Segment ausscheiden und der Kurseinbruch in den vergangenen 25 Monaten fast so hoch war wie am Neuen Markt, wurde bislang zu keinem Zeitpunkt die Existenzberechtigung der Nasdaq in Frage gestellt.

Große Fonds finden immer weniger Werte, bei denen sie einsteigen können.

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